Mauern, Tore und Türme in Sachsen-Anhalt

Die Stadtbefestigung von Tangermünde - Teil 1


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Stadtmauer in Tangermünde
Tangermünde gehört zu den schönsten und auch ältesten Städten der Altmark. Da wo der Tanger in die Elbe mündet, entstand schon früh ein Handelsplatz, eine Burg sicherte den Ort. Kaiser Karl IV. hatte hochfliegende Pläne, als er die Burg zu seiner Nebenresidenz ausbauen ließ. Doch nicht alle Blütenträume reifen, später sank die Stadt wieder auf den Status einer einfachen Landstadt zurück. Das mag man bedauern oder auch nicht, jedenfalls sind vielleicht gerade deshalb die Stadtmauer, die Tortürme, das prächtige Rathaus und das einzigartige Stadtbild erhalten geblieben.
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Rathaus in Tangermünde

Lassen Sie sich bei einem Rundgang durch die Stadt verzaubern! Es lohnt sich! Tangermünde ist eine der wenigen Städte Norddeutschlands, deren mittelalterliche Mauer auch heute noch fast lückenlos steht.


Wir beginnen unseren kleinen Rundgang in Bahnhofsnähe an der Nordwest-Ecke der Stadtbefestigung auf der Lindenstraße/Ecke Grete-Minde-Straße und bewegen uns Richtung Südwesten.



Der nachfolgende (kursive) Text fußt auf dem 1972 herausgegebenen Stadtführer
Joachim-Albrecht Kohlmann: Tangermünde, Ein Besuch in der alten Elbestadt, Veröffentlichungen des Altmärkischen Museums Stendal, 3. überarb. Auflage, 1972
(Zwischentexte und -überschriften: hb)

Die Stadtmauer in Tangermünde

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Infotafel Stadtmauer
An mehreren Stellen bei unserem Rundgang finden wir Informationstafeln, denen man Wissenswertes zur Stadtgeschichte entnehmen kann. Zur Stadtmauer heißt es da:
"Tangermünde gehört zu den wenigen Städten Norddeutschlands, deren Stadtmauer auch heute noch nahezu lückenlos die Altstadt umschließt. Der erste Mauerring aus Findlingen wurde vermutlich um 1300 errichtet. Hiervon künden wenige Reste. Der Unterbau der heute noch erhaltenen Stadtmauer stammt zum überwiegenden Teil aus dem 14. Jahrhundert. Der obere Teil ist jüngeren Datums.
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Stadtmauer Wasserseite

Umfangreiche Erneuerungsarbeiten wurden in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts insbesondere auf der Wasserseite ausgeführt. Zu diesem Zeitpunkt waren große Teile der Mauer, zu der auch ein hölzerner Wehrgang gehörte, weggebrochen. Der Wiederaufbau diente dem Ziel, dem Schmuggel entgegenzuwirken. Der Warenverkehr sollte die Stadttore passieren. Auf der Wasserseite beträgt die Höhe der Stadtmauer 10 Meter bis 12 Meter. Die zum System der Stadtbefestigung gehörenden vier Ecktürme, drei Stadttore, mehrere Schalentürme und Turmbauten auf der Wasserseite blieben ebenfalls weitgehend erhalten bzw. ihre Standorte sind bei einem Rundgang entlang der Stadtmauer erkennbar." (Quelle: Infotafel an der Stadtmauer)

Einen solchen Eckturm finden wir an der Nordwestecke, dem Startpunkt unserer Erkundung:

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Die Lindenstraße "umgeht als Hauptdurchgangsstraße (...) die Altstadt und verläuft auf dem ehemaligen äußeren Stadtwall, der 1786 eingeebnet wurde. Der tiefer gelegene Stadtgraben ist noch deutlich zu erkennen. Hinter ihm erhebt sich der Innenwall, der noch heute die mittelalterliche Stadtmauer trägt, die an dieser Stelle nur noch in ihrem unteren Teil erhalten blieb. Sie ist aus Backsteinen aufgeführt und besitzt einen Feldsteinsockel. Es sind auch noch Reste von vier ehemaligen Weichhäusern (Wiekhäusern) vorhanden, die zur Flankensicherung der Mauer dienten.

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Der schmale Durchgang zur Töpferstraße ist nicht ursprünglich. Erstmalig zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde hier eine verschließbare Pforte erwähnt, die 1852 zu einem 3,5 Meter breiten Durchgang erweitert wurde. Das kleine Spitzbogenportal entstand im Jahre 1933.

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Rest eines Wiekhauses
Wir gehen im Stadtgraben, der in Grünanlagen umgewandelt ist, weiter (...) und gelangen so zunächst zur Notpforte. (...) Die Notpforte ist heute eine einfache breite Öffnung in der Nordseite der Tangermünder Stadtmauer, von der 1630 an dieser Stelle ein Stück einstürzte. 1634 gestattete der Kurfürst Johann Georg dem Rat der Stadt, hier ein viertes Tor zu errichten. Infolge der Lasten des 30jährigen Krieges unterblieb jedoch dessen Ausführung. Erst 1785 wurde ein Torbogen zwischen Pfeilern gebaut, von dem heute nichts mehr zu erkennen ist. Die Notpforte diente einmal dazu, bei den Stadtbränden das Vieh und den Hausrat in Sicherheit zu bringen, da die drei übrigen Stadttore für die Löschfahrzeuge, die Wasser von der Elbe und vom Tanger heranschafften, frei gehalten werden mussten."

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Stadtmauer (Stadtseite) mit Mauerstraße, Schrotturm und Rest eines Wiekhauses (rechts)

Wir durchschreiten die Notpforte und gehen einige Schritte in der Mauerstraße in Richtung Schrotturm. Die Mauerstraße "ist Teil des alten Mauerweges, der einmal um die gesamte Stadt herumführte. Im Mittelalter durften nur auf seiner Innenseite Häuser errichtet werden, um den Zugang zur Mauer freizuhalten. Die Backsteinmauer steht auf einem Wall und erhebt sich in einer Stärke von 60 bis 80 cm auf einem Feldsteinunterbau. Sie war ursprünglich höher und ist heute nur noch in ihrem unteren Teil erhalten. (...)"

Der Schrotturm


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Schrotturm (Detail)
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Infotafel
"Der mit vier erkerartigen Ausbauten versehene mächtige nordwestliche Eckturm der Stadtmauer (...) war als Wehrturm im Mittelalter nur halb so hoch wie heute. 1825 ließ ein Tangermünder Kaufmann den Turm auf eine Höhe von 47 Metern bringen, um dann im Jahre darauf eine Schrotgießerei einzurichten, die bis um die Mitte des Jahrhunderts in Betrieb war. Zu diesem Zweck wurden die fünf alten Gewölbedecken der einstigen Stockwerke herausgebrochen. Dann konnte man mit dem Gießen von Schrotkugeln beginnen. Oben im Turm wurde das Blei geschmolzen, mit Arsen vermischt und durch Siebe hinuntergegossen. Unten standen Wasserbottiche, in denen die durch die Fallbewegung entstandenen Schrotkugeln aufgefangen und abgekühlt wurden. (...)"

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Rest eines Wiekhaus

Wir gehen weiter in Richtung Neustädter Tor. Zwischen dem Schrotturm und dem Neustädter Tor "sind die Reste von drei ehemaligen Wiekhäusern zu erkennen, die der Verteidigung dieses Mauerabschnittes dienten."

Das Neustädter Tor

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Neustädter Tor, Stadtseite
"Das Neustädter Tor gehört zu den schönsten mittelalterlichen Toranlagen des norddeutschen Raumes. Betrachten wir es zunächst von seiner Stadtseite. Zwei Türme stehen rechts und links eines Mittelbaues, der eine spitzbogige Durchfahrt enthält. Der älteste Teil dieses Doppelturmtores ist der kleinere rechteckige Turm. Er entstand um etwa 1300 und ist der Rest eines älteren Torbaues. Dieser Turm fand ursprünglich seinen oberen Abschluss in einer Plattform, die von einfachen Zinnen umgeben war. Sie sind noch heute in der Fläche der roten Backsteinwand zu erkennen.

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Neustädter Tor, Stadtseite
Später wurde der Turm um 2,80 Meter erhöht und mit einem reicher gestalteten Zinnenkranz versehen, der ein Walmdach trägt, das vermutlich im 16. Jahrhundert aufgesetzt wurde. Auf der Seite zur Kirchstraße ist eine Austrittöffnung zu erkennen, durch die ein hölzerner Wehrgang erreicht werden konnte, der zu beiden Seiten des Tores an der Innenseite der Stadtmauer angebracht war. Um die Kirchstraße am Tor vorbeiführen zu können, wurde 1925 an dieser Stelle ein Stück der Stadtmauer abgebrochen. Noch heute ist deutlich zu sehen, wo diese an den Turm anschloss.
Der zweiten Bauperiode um 1450 gehören der etwa 27 Meter hohe Rundturm und der Mittelbau an. Die Baunaht zu dem älteren rechteckigen Turm wird von einer senkrechten durchlaufenden Fuge gebildet. Über der Durchfahrt verläuft ein Wehrgang, der die beiden Türme miteinander verbindet und sich nach der Stadtseite in vier Flachbogenluken, die in Nischen sitzen, öffnet."

Details und Blick 1972 vom Torturm in die Altstadt
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Umgang
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Neustädter Tor, Zwinger

Um das Tor von seiner Außenseite, der Feldseite, betrachten zu können, benutzen wir den 1932 geschaffenen Fußgängerschutzweg, der im Westen um den Turm herumführt, und stehen dann in dem zwingerartigen Hof zwischen Haupt- und Vortor.
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Reich geschmückter Wehrgang
Der runde Wehrturm hat im Erdgeschoß 3 Meter starke Mauern, die ein 6 Meter tiefes Verlies umschließen, von dem lediglich ein etwa 80 cm breites Mannloch vom ersten Stockwerk aus hinabführt. Darüber setzt sich der Turm in vier Stockwerken fort. Auf halber Höhe ist ein Wehrgang ausgekragt, der mit seinen 14 Schussöffnungen den gesamten Umkreis beherrscht. Als Abschluss besitzt der Turm eine von Zinnen umgrenzte Plattform, die zur Aufstellung von Wurfmaschinen diente. Die glatten Flächen der Turmwand sind durch dunkelglasierte Backsteine, die spiral- und zickzackförmig verlaufen, belebt. Wehrgang und Zinnenkranz mussten 1830 wegen Baufälligkeit abebrochen werden. Nach einem vor dem Abbruch angefertigten Modell wurden sie in der Zeit von 1895 bis 1897 erneuert.

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Neustädter Torturm, Medusenhäupter
Der Mittelbau öffnet sich auch auf der Feldseite in einem Spitzbogentor. Die eisernen Angeln, in denen sich die schweren hölzernen Torflügel bewegten, sind noch vorhanden. Über dem Tor sind drei Zinnen angeordnet, deren mittlere eine Pechnase enthält, während zwei Wasserspeier aus Sandstein der Abführung des Regenwassers dienten. Das Ziegeldach über dem Mittelbau ist nicht ursprünglich und wurde wohl erst im 16. Jahrhundert aufgesetzt. Der Formziegelfries, der sich um den Turm herum fortsetzt, zeigt im Wechsel glasierte und unglasierte Steine mit dem Haupt der Medusa, einem sagenhaften Ungeheuer, dessen Anblick tötete. Die kreisförmige und die vier nach rechts gelehnten schildförmigen Putzblenden tragen 1897 aufgemalte Wappen.

Neustädter Tor: Pechnase, Wappen und x-mal Medusa
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Von links beginnend grüßen uns Adler:
- der preußische Königsadler
- der Reichsadler von 1871 mit aufgelegtem Hohenzollernschild
- der Tangermünder Adler
- der Adler des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation
- der brandenburgische Adler.

Vor dem Torbau liegt eine Brücke, die über den Stadtgraben führte, der zugeschüttet ist. Daher steckt die Brücke heute im Erdreich. Nur der Scheitel des Bogens ist von der Kirchstraße aus noch sichtbar. Ferner ist die Brücke an der mit Zinnen versehenen Brüstungsmauer der Südseite zu erkennen. Auf der Nordseite zeichnen sich die Zinnen in der später erhöhten Mauer ebenfalls noch deutlich ab.

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Details der Brücke

Vom Vortor ist nur wenig erhalten. Lediglich auf der Südseite steht noch der untere Teil eines Turmes. Vermutlich bestand das Vortor aus zwei viereckigen Türmen, die einen Torbogen flankierten.

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Neustädter Tor, Turm der Nikolaikirche direkt dahinter
Das kleine Fachwerkhaus, das im Zwinger zwischen Haupt- und Vortor steht, ist das ehemalige Zollhaus des Akziseeinnehmers aus dem 18. Jahrhundert. (...)

Der Anblick des Tores führt uns so recht die Wehrhaftigkeit der mittelalterlichen Stadt vor Augen. Doch ist das Tor mit seinen zahlreichen Schmuckformen nicht nur ein Wehrbau, sondern gleichzeitig ein Repräsentationsbau, der nach außen hin dokumentieren sollte: "Hier ist eine Stadt, eine freie Bürgergemeinde!"

Der Baumeister des Neustädter Tores kann Steffen Boxthude gewesen sein, der in einem Bewerbungsschreiben an den Rat der Stadt Zerbst schrieb, dass er 'in der Altmark, zu Stendal, zu Tangermünde, zu Werben Türme und Kirchen gewölbt und gemauert habe'". (...)

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Neustädter Tor und "Drei-Türme-Blick" in der Neustädter Vorstadt

Wie so oft gibt es von hier aus mehrere Möglichkeiten, den Rundgang um die Altstadt fortzusetzen: entweder mit einem kleinen Schlenker über das ehemalige Dominikanerkloster an der südöstlichen Ecke der Stadtbefestigung vorbei zum Hafen oder zurück durch das Neustädter Tor bummelnd durch die Innenstadt und dann zur Wasserseite der Stadtmauer... oder doch lieber erst eine Stärkung?

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Text (kursiv) zitiert aus:
Joachim-Albrecht Kohlmann: Tangermünde, Ein Besuch in der alten Elbestadt, Veröffentlichungen des Altmärkischen Museums Stendal, 3. überarb. Auflage, 1972

Fortsetzung:
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Mauern, Tore und Türme in Tangermünde - Teil 2