Das Westportal der Liebfrauenkirche zu Trier


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Trier: Dom und Liebfrauenkirche (ganz rechts)
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Ostansicht
Es ist ein beeindruckendes Bild, wenn man in Trier auf dem Platz vor dem Dom und der Liebfrauenkirche rechts daneben steht. Die Liebfrauenkirche "steht am Ort der antiken Südbasilika aus der Zeit Kaiser Konstantins des Großen (+337), die Anfang des 13. Jahrhunderts wegen Baufälligkeit niedergelegt werden musste. Im Jahr 1227 begannen dann französische Baumeister im Stil der Gotik der Île de France und der Champagne auf dem Grundriss einer zwölfblättrigen Rose mit dem Bau der heutigen Liebfrauenkirche." (1)
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Infotafel
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Westansicht
Zusammen mit der Elisabethkirche in Marburg, deren Grundsteinlegung unwesentlich später erfolgte, stellen die beiden Kirchen die ersten rein gotischen Bauten auf deutschem Boden*) dar. Die Liebfrauenkirche ist ein Zentralbau, was man bei der eindrucksvollen Gruppierung der hochaufragenden Baumassen von außen nicht gleich erkennt. Sie ist unbestritten ein "architektonisches Juwel von filigraner Schönheit, das seinesgleichen nicht findet." (1) Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Kirche schwere Zerstörungen. 1986 wurde die Liebfrauenkirche (zusammen mit dem Dom und weiteren Trierer Baudenkmalen) in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen.
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zwei Propheten
Von 2007 bis 2011 fanden unter dem Motto "Die Rose neu erblühen lassen" grundlegende Restaurierungen und Renovierungen statt, wobei u. a. auch der Figurenzyklus des Westportals vervollständigt wurde.
(1) Text kursiv: Infotafel am Durchgang zur Liebfrauen-Basilika, Trier

*) Der erste Bau nach einem gotischen Plan ist allerdings der Neubau des Domes in Magdeburg (1209 begonnen). Den deutschen Bauleuten fehlte da noch das tiefere Verständnis für die gotische Formensprache: sie begannen im Osten Chor und Kapellenkranz des Madeburger Domes zwar über dem Grundrissplan einer französischen Kathedrale zu errichten, bauten aber so wie sie es kannten - in spätromanischen Formen. Erst mit wachsendem Baufortschritt wandelte sich der Stil zur Gotik.


Die Figuren an der Westfassade / am Westportal der Liebfrauenkirche in Trier


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Insgesamt 17 Skulpturen schmücken die Westfassade der Liebfrauenkirche, sechs befinden sich in den Portalgewänden, acht sind oberhalb bzw. seitlich davon angeordnet und oben im Giebel finden wir noch einmal drei Skulpturen. Nur die wenigsten Touristen bemerken wahrscheinlich, dass die Skulpturen der Westfassade an der Liebfrauenkirche in Trier aus ganz unterschiedlichen Zeiten stammen. (Das spricht natürlich auch für die Qualität der Figuren.)

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Westfassade und Figurenportal sind etwa Mitte des 13. Jahrhunderts entstanden. Da es sich um eine "Marienkirche" handelt, erwartet man natürlich auch Darstellungen der Jungfrau Maria. Die Figurengruppe oberhalb des Portalsimses stellt denn auch die Verkündigung dar: Erzengel Gabriel (links vom Betrachter) wendet sich leicht der Jungfrau Maria (rechts) zu, um ihr die Botschaft zu überbringen. An den Strebepfeilern flankieren je zwei Propheten (etwas tiefer gestellt) die Szene.

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Noah
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Abraham

Darunter befinden sich an den Strebepfeilern in Höhe der Portalbögen die Skulpturen des Noah (links vom Betrachter, mit Wein- und Krückstock) und des Abraham (rechts). Abraham hat das Messer, mit dem er seinen Sohn (dem sind die Hände gefesselt) töten will, schon in der Hand - doch er blickt noch einmal nach oben, denn ein kleiner Engel naht sich ihm aus der Ecke von Sims und Strebepfeiler, um ihn im letzen Moment daran zu hindern. Das war knapp...

Gewändefiguren


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Das tief gestaffelt Portal selbst befindet sich zwischen zwei Strebepfeilern, mit je drei Figuren links und rechts im Gewände. Links (vom Betrachter) finden wir außen Ecclesia, die siegreiche Kirche, Petrus mit einem Fischernetz in der Mitte und Adam neben dem Portal. Rechts (vom Betrachter) stehen im Gewände außen Synagoge mit dem zerbrochenen Stab, die Gesetzestafeln gleiten ihr aus der Hand, die Krone rutscht vom Kopf, in der Mitte Johannes und neben dem Portal steht Eva, ihrem Adam gegenüber.

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Maria mit Kind im Tympanon


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In der Mitte des Tympanons thront Maria mit dem Jesuskind. Ihre Füße treten den besiegten Drachen, das Symbol für das Böse. Rechts von ihr (links vom Betrachter) nähern sich anbetend die heiligen drei Könige mit Geschenken. Die Gruppe links von Maria zeigt die Darbringung des Jesuskindes im Tempel. Die kleinen Figuren in den Bogenecken stellen Gegensätzliches dar: links verkündet ein Engel den Hirten die Geburt des (göttlichen) Kindes, rechts wird ein (irdisches) Kind von Bethlehem ermordet.

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Reich gestaltete Archivolten


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Fünf reichgestaltete Bogenläufe umgeben das Geschehen. In den vier inneren finden wir Lobpreisung - Engel schwenken Weihrauchgefäße oder halten Spruchbänder, Kirchenväter, Könige (oder Älteste) musizieren und singen das Lob Gottes. Die äußere Archivolte dagegen mahnt mit der Darstellung der klugen und törichten Jungfrauen (zu erkennen an den Öllampen) an das Weltende.

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Den Abschluss bildet die Kreuzigungsszene im obersten Giebeldreieck. Die Westfassade verdeutlicht so mit den Szenen aus dem Alten Testament, mit Adam und Eva, den Propheten und der Geburt Jesu bis zum Kreuzestod in groben Zügen die Vorstellung vom christlichen Erlösungswerk.
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Die Figuren der Westfassade der Liebfrauenkirche sind seit Anfang der 1990er Jahre wieder vollständig. Lesen Sie, was Jens Rüffer zu Werk und Wahrnehmung dazu bemerkt:
Jens Rüffer: Werkprozess – Wahrnehmung – Interpretation, Studien zur mittelalterlichen Gestaltungspraxis und zur Methodik ihrer Erschließung am Beispiel baugebundener Skulptur, Lukas Verlag, Berlin, 2014, ISBN 978-3-86732-175-4

Das um 1240 entstandene Figurenportal der Liebfrauenkirche zu Trier (...) zeigt heute Skulpturen, bei denen es sich entweder um Kopien nach Originalen handelt oder um Neuschöpfungen. (...) Die erste größere Zerstörung des Portals erfolgte durch französische Revolutionstruppen im Jahre 1794. Die Restaurierungsgeschichte bis ins 20. Jahrhundert hinein zeigt, dass Leerstellen durch Figuren aus anderen Kontexten ausgefüllt, Figuren ergänzt oder sowohl formal als auch ikonographisch völlig frei neu geschaffen werden konnten. (Fußnote 20) Das Bild, das sich dem heutigen Betrachter des Westportals von Liebfrauen darbietet, hat strenggenommen nur noch sehr wenig mit dem mittelalterlichen Original zu tun. Ganz zu schweigen von der ehemaligen Farbenpracht derartiger Figurenportale, die wir heute meist nur noch in ihrer monochromen Steinsichtigkeit wahrnehmen. (...) Das Beispiel verdeutlicht exemplarisch, dass unsere Wahrnehmung, zumindest was Architektur und Bauskulptur betrifft, häufig durch Restaurierungen, Renovierungen oder Rekonstruktionen, die zur jeweiligen Zeit als mittelalterlich empfunden wurden, beeinflusst ist. (...) Das besondere Problem dieser Form von Ergänzungen besteht nicht nur darin, dass sie eher ein zeitgenössisches Verständnis dessen repräsentieren, was mittelalterliche Kunst gewesen sein könnte, sondern liegt auch in dem Umstand begründet, dass sie heute aufgrund fehlender Dokumentationen, der starken Verwitterung der Substanz oder des äußerst kreativen Schaffens mancher Restauratoren kaum bzw. gar nicht mehr als spätere Ergänzungen wahrgenommen werden.

Fußnote 20: Zur Geschichte der Restaurierungen vgl. Waschbüsch 2002, S. 140-143. Der hl. Laurentius aus dem linken Gewände scheint nach schriftlichen Zeugnissen 1803 von der Laurentiuskirche an die Liebfrauenkirche übertragen worden zu sein, um eine Leerstelle zu füllen. In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts schuf der Bildhauer Gottfried Stracke für die Fehlstellen im Gewände neue Figuren und restaurierte zugleich zerstörte Passagen an dem noch bestehenden plastischen Schmuck. Die nächste große Restaurierung wurde vom Metzer Dombaumeister Paul Tornow zwischen 1894 und 1900 durchgeführt. Dieser ließ die verbliebenen drei Originalfiguren des Gewändes durch Kopien ersetzen. Darüber hinaus erteilte er einem Metzer Bildhauer den Auftrag, drei neue Gewändefiguren zu schaffen. Diese sollten nun Evangelisten darstellen. Nicht einmal zwei Jahrzehnte später folgte ein weiterer, noch gravierenderer Einschnitt. Die Figuren wurden während des Ersten Weltkrieges aus Furcht vor Zerstörung von der Fassade abgenommen und in einem Depot eingelagert. Im Jahre 1917 vereinbarten das Deutsche Museum in Berlin und der Kirchenrat von Liebfrauen die Herstellung von Steinkopien für die acht Fassadenfiguren. Als Gegenleistung sollte Berlin sechs der acht Figuren behalten dürfen. Der Protest von Trierer Bürgern sorgte dafür, dass nur die vier Prophetenfiguren an der Spree blieben. Sie sind derzeit im Bodemuseum ausgestellt. Auch der Zweite Weltkrieg hinterließ Spuren, die erst in jüngster Vergangenheit beseitigt werden konnten. Im Jahre 1978 wurden die neu geschaffenen Kopien der acht Fassadenfiguren wieder vor Ort aufgestellt, 1993 folgten die Gewändefiguren mit der Schaffung von Adam, Eva und Petrus.
Jens Rüffer: Werkprozess – Wahrnehmung – Interpretation, S. 48f.
Lukas Verlag, Berlin, 2014, ISBN 978-3-86732-175-4


Der Auftrag für die Neugestaltung der drei schon seit langem verschollenen Gewändefiguren wurde an drei verschiedene Bildhauer verliehen. Theo Heiermann schuf den Petrus, der diesmal nicht mit den traditionellen Schlüsseln sondern mit einem Fischernetz ausgestattet wurde, Guy Charlie gestaltete die Eva mit langem Haar und Elmar Hillebrand lässt seinen Adam Trauben und Ähren in der Hand halten. Eine moderne und gelungene Darstellung!

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zu Notre Dame de Paris