Romanische Backsteinportale in der Altmark und im Elbe-Havel-Gebiet, Teil 2: rechts von der Elbe


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(ehem.) Klosterkirche Jerichow
Wer Steinbauten errichten will, benötigt Steine, klar. Wenn es aber in der Nähe des Bauortes keine Natursteinvorkommen gibt, muss man die Steine entweder von weit heranschaffen (kann teuer werden), oder man nimmt das, was man auf dem Feld eben so findet (Feldsteine, Findlinge). So ein Feldsteinbau wirkt vielleicht schön rustikal, doch lassen sich die Steine kaum bearbeiten, zudem wird viel Mörtel benötigt. Zierformen sind ebenfalls kaum realisierbar. Meist sind auch die Fundstellen schnell erschöpft. Doch der Mensch ist erfinderisch: Schon die alten Mesopotamier nutzten Lehm (der in Flussniederungen reichlich vorkommt), um sich Ziegel herzustellen. Brennt man diese bei Temperaturen um 800 bis 1100 °C im Ofen, dann kann man sich sogar feste Steine backen - Backsteine eben. Qualität und Farbe der Backsteine hängen von der Beschaffenheit des Lehms ab, von der Art des Brennens, vom richtigen Verhältnis von Ton und Sand und dem Anteil an Eisen, das nach dem Brennen als Eisenoxid für die rötliche Färbung sorgt.
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Jerichow, Ostpartie der Klosterkirche
Obwohl der Backstein im antiken Römischen Reich für die großen Bauaufgaben vielseitige Verwendung fand, galt er als minderwertig; Fassaden und steinsichtige Flächen wurden später mit Marmorplatten oder anderen "edleren" Materialien verkleidet. Anfang des 12. Jahrhunderts nahm die Backsteinbauweise in Oberitalien erneut einen gewaltigen Aufschwung, so dass Kunsthistoriker heute davon ausgehen, dass etwa ab 1150 diese Bauweise auch nach Deutschland kam. Im Elbe-Havel-Gebiet wurde mit der Stiftskirche Jerichow "die spätromanische norddeutsche Backsteinarchitektur zu ihrem ersten künstlerisch vollendeten Höhepunkt geführt. Damit war für das Elbe-Havel-Gebiet und darüber hinaus ein Bau geschaffen, mit dem die neue Bauweise nicht nur anerkannt, sondern im weitern Umkreis nachvollzogen wurde." (Rolf Naumann)
Mit Formsteinen lassen sich dekorative Elemente realisieren, Friese gestalten und Portale schmücken. Bei den Portalen sind häufig Grundmuster erkennbar: Die Öffnung liegt entweder in einer rechteckigen Wandvorlage oder bei vielfach gestuften Portalen auch in einem dreieckig übergiebelten Portalvorbau.


Dorfkirche Redekin


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Kirche in Redekin
Für eine Dorfkirche ist sie eine stattliche Erscheinung: Die Redekiner Kirche gilt als einer der wichtigen Nachfolgebauten im Umkreis der Stiftskirche zu Jerichow. Nahezu unverändert ist die romanische Originalsubstanz aus dem 12. Jahrhundert erhalten: der rechteckige Saal, der eingezogene Chor mit Apsis, der monumentale Westquerturm.

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Das Westportal in der fast quadratischen Wandvorlage ist mehrfach gestuft, der eingestellte Dreiviertelrundstab mit Kapitell setzt sich als Archivolte fort. Der innere Bogen besteht aus keilförmigen Steinen, außen werden die Bögen durch eine längs aufgestellte Reihe (Läufersteine) gerahmt. Über dem Westportal befinden sich zwei Okuli (Rundfenster), wie man sie auch an den Prämonstratenserkirchen in Magdeburg, Jerichow und Leitzkau findet.

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Westportal
Priesterpforte

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Sonnenuhr (mit Zeiger)
Die Priesterpforte an der Südseite im Chorbereich stammt ebenfalls aus der Bauzeit der Kirche. Auch sie liegt in einer rechteckigen Wandvorlage, ist einfach gestuft mit eingestelltem Dreiviertelrundstab, der sich als Archivolte fortsetzt.

Der schöne Bau wird gegliedert durch Lisenen; verschieden Friese (Dreiecks-, Rund- und Kreuzbogenfriese) schmücken das Äußere. Bemerkenswert sind auch die beiden (Ritz-) Sonnenuhren an der Südseite.


Schönhausen (Elbe)


Dehio würdigte die spätromanische Kirche St. Maria und Willebrord als "bedeutendsten Nachfolgebau der Klosterkirche Jericho".
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Die langgestreckte querschifflose Basilika mit Westquerturm, Chor und halbkreisförmiger Apsis stammt vom Ende des 12./Anfang des 13. Jahrhunderts. An der Nord- und Südseite befinden sich zwei Portale. Das Südportal dient heute als Zugang zum Innenraum. In die Gewändestufe ist ein Dreivirtelrundstab eingestellt, der als Archivolte fortgesetzt wird. Das nördliche Portal ist vermauert. Ebenfalls vermauert ist das Hauptportal im Westquerturm. In dem fast quadratischen Wandvorsprung öffnete sich ein dreifach gestuftes und durch Formsteine profiliertes Gewände. In der mittleren Stufe ist ein Dreiviertelrundstab eingelegt, der sich als Archivolte fortsetzt. Der mächtige durch Lisenen gegliederte Westriegel wird außerdem durch mehrere Friese geschmückt. Und wenn man genau hinschaut, kann man an einigen Konsolen sogar Figuren erkennen.

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vermauertes Westportal
Kirche von Südosten


Sandau (Elbe)


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Die spätromanische querschifflose Backsteinbasilika St. Nikolaus und St. Laurentius in Sandau stammt ebenfalls vom Ende des 12. / Anfang des 13. Jahrhunderts. Sie ist dem Typ der Schönhausener Kirche verwandt und folgt wie diese dem Schema Westbreitturm, dreischiffiges Langhaus, Chor und Apsis. Mit fast 50 Meter Länge ist die Kirche in Sandau noch ein klein wenig größer als die in Schönhausen, vor allem der Turm mit 37 Meter Höhe und 18 Meter Breite bietet einen monumentalen Akzent. Im April 1945 stürzte der Turm infolge der Kampfhandlungen des 2. Weltkrieges (Artilleriebeschuss) ein, viele Jahrzehnte ragten die Mauerrestes mahnend in die Höhe. 1996 gründete sich ein Förderverein zum Wiederaufbau des Turms, seit 2012 ist der Turm äußerlich wieder hergestellt! Auf der Webseite des Vereins (-->http://www.kirchturm-sandau.de) kann man die Details zum Wiederaufbau nachlesen und Momentaufnahmen betrachten. Spenden sind natürlich willkommen!
Neu aufgemauert wurde das rundbogige Westportal in der hohen rechteckigen Wandvorlage. In das zweifach gestufte Gewände sind auf jeder Seite in die Rücksprünge Dreiviertelrundstäbe eingefügt, die sich als Archivolten fortsetzen. Auch das in der quadratischen Wandvorlage darüber liegende Rundfenster wurde mit seinen Stufen und eingelegten Rundstäben original nachempfunden.

Sandau, St. Nikolai und St. Laurentius
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Der schöne Innenraum der wiederhergestellten Kirche zeigt sich von ergreifend monumentaler Schlichtheit.
An der südlichen Chorwand befindet sich ein niedriger Anbau, dessen Portal (links) vermauert und als Fenster gestaltet wurde. Rechts (östlich) davon schlossen sich drei gekuppelte (Blend-?) Fenster an - eines ist jetzt als Portal gestaltet - die außerdem noch Okuli (Rundfenster) mit keilförmien Backsteinen enthielten.


Fischbeck


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Fischbeck liegt etwa 5 km nördlich von Jerichow und 3 km von Tangermünde entfernt (allerdings durch die Elbe getrennt). Der sorgfältig gemauerte Westturm und Saal der Kirche stammen aus spätromanischer Zeit (1220-1250), der später (um 1500) angefügte (erneuerte?) Chor mit seinen Strebepfeilern scheint dagegen recht nachlässig aus Bruchsteinen und Backsteinen ausgeführt zu sein. Das gedrückt-spitzbogige Westportal in der rechteckigen Wandvorlage ist dreifach gestuft, darüber befindet sich ein vermauertes Rundfenster. Nord- und Südseite der Kirche enthalten zwei weitere Portale, das Südportal ist zum Fenster umgewandelt. Eine kleiner Schaukasten am Nordeingang informiert über die eindrucksvoll auf einer Anhöhe gelegene Kirche.

Kirche in Fischbeck
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Quellen:
Rolf Naumann, Romanische Backsteinkirchen im Jerichower Land, Perleberg 1993
Georg Dehio, Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler, Sachsen-Anhalt I, Deutscher Kunstverlag, München, 2002


Wird fortgesetzt...
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