Fassaden, Portale und Kapitelle in der Saintonge (Frankreich)


Aulnay-de-Saintonge: Eglise Saint-Pierre de la Tour - Teil 1


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St-Pierre, Aulnay
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Restaurierungsarbeiten
"Die ehemalige Pilgerkirche St-Pierre in Aulnay ... rechtfertigt jeden noch so weiten Umweg..." - Thorsten Droste. Wo er recht hat, hat er recht. Schade ist bloß, wenn es dann vor Ort heftig regnet oder das berühmte Portal im Südquerhaus durch ein Baugerüst verstellt wird. Aber das ist eigentlich ein guter Grund, der Kirche nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten erneut einen Besuch abzustatten.
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St-Pierre, Südseite
Die Daten zur Baugeschichte von St-Pierre im 12. Jahrhundert sind spärlich, gegen 1170 scheint sie jedenfalls fertig gestellt zu sein. Es handelt sich um eine dreischiffige Hallenkirche von fünf Jochen (das Mittelschiff ist geringfügig höher als die Seitenschiffe) mit Querhaus, Vierungskuppel, Chor und seitlichen Apsiden. Auf einen Chorumgang wurde verzichtet.
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St-Pierre, Portalzone
Die Westfassade wird horizontal in zwei Geschosse gegliedert. Das untere Geschoss enthält, wie es für die Region so typisch ist, mittig das Hauptportal, links und rechts von Scheinportalen flankiert. Im 15. Jahrhundert musste das Mauerwerk durch mächtige Strebepfeiler verstärkt werden, um dem Gewölbeschub zu begegnen, dadurch sind Teile der Fassade verändert bzw. überdeckt. Im oberen Geschoss ist die Reiterstatue (Kaiser Konstantin) verloren gegangen, so dass sich der Figurenschmuck auf die Portale konzentriert.

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Das Hauptportal


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Engel, Tugenden und eine Krone für
das Lamm, Detail vom Hauptportal
St-Pierre, Aulnay
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Allgemeines Thema des figürlichen Schmucks der Portale ist die Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse, Tugend und Laster, richtigem und falschem Leben. Und natürlich siegt das Gute! Schauen wir uns zunächst die vier Archivolten des Hauptportals an: Im ersten Bogen (von innen gesehen) schweben Engel aufwärts, dem Lamm Gottes entgegen, das zwei von ihnen in einer Schale oder in einem Medaillon präsentieren.

Hauptportal mit vier Archivolten
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Eintracht besiegt Zwietracht
Detail vom Hauptportal
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Glaube besiegt Götzen-
anbetung
Im zweiten Bogen triumphieren die Tugenden, hier wehrhaft dargestellt mit spitzen Schilden, Schwertern und Speeren, die sich krümmenden Gestalten der besiegten Laster zu ihren Füßen. Die beiden Tugenden im Scheitel halten eine Krone über das Lamm. Ein Spruchband mit den gegenübergestellten (lateinischen) Bezeichnungen der Tugenden und Laster (Zorn - Geduld, Wollust - Keuschheit, Hochmut - Demut, Freigiebigkeit - Habgier, Glaube - Götzenanbetung, Eintracht - Zwietracht) darüber ergänzt die Illustration.



Kluge und Törichte Jungfrauen


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Archivolten am Hauptportal, Christus mit den Klugen und Törichten Jungfrauen, darunter Tugenden
und Laster, darüber Tierkreiszeichen und Monatsbilder

In der dritten Archivolte entdecken wir trotz der Beschädigungen alte Bekannte: Wie immer halten die Klugen Jungfrauen zur Rechten Christi ihre Öllampen freudig aufrecht, ist ihnen doch die ewige Seligkeit gewiss, während ihre glücklosen, törichten Schwestern auf der anderen Seite sich verzweifelt an die Köpfe schlagen und ihre Lampen nach unten sinken. Die Törichten Jungfrauen hatten vergessen, rechtzeitig Öl aufzufüllen, das Öl reichte nicht, ihre Lampen sind verloschen, so haben sie sich in der Dunkelheit verirrt. Und nun kommen sie zu spät und die Tür bleibt ihnen versperrt. Christus (Brustbild im Scheitel der dritten Archivolte) oben zwischen den Jungfrauen scheidet und richtet und auch die Tür ist zu sehen!

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Zwei kluge (links) und zwei törichte (rechts) Jungfrauen, leider kopflos


In der vierten und letzten Archivolte werden Raum und Zeit dargestellt - symbolisiert durch die Tierkreiszeichen des Sternhimmels und die Monatsarbeiten im Jahreslauf. Ein Schriftband mit den lateinischen Bezeichnungen vervollständigt(e) den Bogen. Leider ist der Erhaltungszustand nicht besonders gut, manches lässt sich nur noch erahnen. Lustig ist zum Beispiel die Darstellung des Sternzeichens Krebs im Scheitel des Bogens, das Tier sieht mehr einem Käfer oder einer Krabbe ähnlich...

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Details der vierten Archivolte, Sternzeichen und Monatsarbeiten

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Detail am Hauptportal

Um die Kirche durch dieses Portal betreten zu können, musste man im Mittelalter ein paar Stufen hinaufsteigen (heute ist das Außengelände höher), um dann im Innern wieder ein paar Stufen hinabzusteigen. Dabei kam man unweigerlich an den furchterregenden Monsterdarstellungen auf den Kapitellen der flankierenden Säulen vorbei. Hier sind die mittelalterlichen dämonischen Mischwesen mit ihrem Gewirr von verschlungenen Ranken reichlich vertreten.
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Kapitelle (und Kämpfer) am Hauptportal

Das linke Scheinportal mit Tympanon


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Detail am Scheinportal
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Scheinportal links
Doch bevor wir die Kirche betreten, werfen wir noch einen Blick auf die beiden Scheinportale. Sie sind etwas schmaler als das Hauptportal und die Archivolten bei annähernd gleicher Höhe dadurch deutlich spitz. Die Bögen sind mit dekorativen pflanzlichen Motiven geschmückt. Es lohnt sich hier genauer hinzuschauen, um die sowohl gleichbleibenden als auch sich kunstvoll abwechselnden Ranken- und Blattmuster der Keilsteine erfassen zu können.

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Bögen und Tympanon am linken Scheinportal


Im Tympanon des nördlichen (linken) Scheinportals wird die Kreuzigung Petrus dargestellt. Petrus hatte es selbst so gewollt - so mit dem Kopf nach unten - denn er wollte sich nicht mit Christus vergleichen lassen. Die auf dem Querbalken stehenden Männer mit ihren Hämmern holen weit aus und müssen sich tüchtig strecken, um die Fußnägel einzuschlagen - sie sind viel kleiner als der Apostel Petrus.

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Dämonische Maske links
Die Kapitelle der eingestellten Säulen des nördlichen Scheinportals tragen ähnlich schreckliche Fabelwesen wie beim Hauptportal, nur ganz links außen fällt sofort ein übergroßes Monstergesicht ins Auge. Bekanntlich können Dämonen ja ihr eigenes Abbild nicht ertragen und suchen verstört das Weite. Und so sind an Kirchenportalen oder Fenster oft solche apotropäischen (Dämonen abweisenden) Darstellungen zu finden.

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Kapitelle am linken Scheinportal

Das rechte Scheinportal mit Tympanon


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Tympanon des rechten Scheinportals
Das südliche, rechte Scheinportal enthält im Tympanon mit den drei erhöht sitzenden Gestalten ebenfalls eine figürliche Darstellung: Neben der thronenden zentralen Christusfigur sitzen (!) zwei etwas kleinere Figuren, Heilige oder Apostel, deren Identifizierung aufgrund der fehlenden Attribute und Beschädigungen jedoch nicht eindeutig ist. Möglicherweise handelt es sich dabei um Petrus und Paulus?

Tympanon, Kapitelle und Details am rechten Scheinportal
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Konsolen über dem Hauptportal
Um die ganze Portalzone bzw. Fassade überblicken zu können, muss man ein paar Schritte zurücktreten. Die Fenster und Bögen im oberen Bereich der Fassade bleiben weitgehend schmucklos, nur im Mittelteil wird das trennende Gesims mit figürlichen Konsolsteinen versehen. Die mittelalterlichen Bildhauer schufen hier seltsame, meist an Hunde und Katzen erinnernde Antlitze - immerhin ist auch ein menschliches Wesen darunter.

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Figürliche Konsolen über dem Hauptportal

Und wenn Sie mögen, kommen Sie mit ins Innere der Kirche:

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zu Teil 2: Kapitelle im Innern von St-Pierre