Portal und Kreuzgang der Klosterkirche in Moissac

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Die Abteikirche am Abend
"Die Abtei St-Pierre nimmt in der europäischen Kunstgeschichte einen unvergleichlichen Rang ein. Man erlebt hier nicht nur den ältesten, sondern zugleich den einzigen Kreuzgang der Romanik, der noch seinen gesamten Skulpturendekor besitzt. Zugleich ist Moissac das einzige Beispiel, wo sowohl der Kreuzgang als auch das romanische Portal als Ensemble erhalten blieben. Man sollte sich also Zeit nehmen, um diese einzigartige Denkmälergruppe kennenzulernen." (1) Diesen Rat des Kunsthistorikers Thorsten Droste sollte man unbedingt ernst nehmen!
Wenden wir uns zunächst dem Portal zu: Es befindet sich in einer offenen Vorhalle, deren Seitenwangen ebenfalls mit Figuren besetzt sind. Architrav und Trumeaupfeiler bilden ein mystisches Kreuz (Tau) und weisen auf Christus hin. Der Heiland thront hoheitsvoll im Tympanon als Weltenherrscher - es ist seine Wiederkunft (Parusie), wie sie in der Offenbarung beschrieben wird. Hier wird Christus an einem mittelalterlichen Portal erstmalig als gekrönter Herrscher dargestellt. (Th. Droste)

Das Portal der ehemaligen Abteikirche Saint Pierre in Moissac

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Vorhalle der Abteikirche Moissac
Sie erinnern sich an Umberto Ecos großartigen Roman "Der Name der Rose"? Oder an den gleichnamigen Film? Dabei handelt es sich nicht nur um eine packende Kriminalgeschichte das rätselhafte Geschehen in einer Abtei betreffend, sondern vor allem um eine unvergleichliche Schilderung der Abgründe und Hoffnungen in der menschlichen Gesellschaft...
Der Roman aus dem Jahr 1981 ist auch ein Verwirrspiel über die Macht von Büchern und war ein weltweiter Erfolg.

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Der Kunsthistoriker Uwe Geese verweist auf die offensichtliche Beschreibung des Portals von Moissac bei Umberto Eco wie folgt (2): Kurz nach der Ankunft in der (namentlich nicht genannten) Abtei erlebt der junge Adson von Melk eine erschütternde Vision: "...Sein Bericht steht in einer doppelsinnigen Vergangenheitsform. Er erinnert sich als alter Mann, doch zugleich spricht er von einer Vision, die sich seinem religiösen Geist unmittelbar zuvor als Erinnerung eingebrannt hatte. Er hat das eben erst durchschrittene Portal vor Augen. (...) Ecos Beschreibung des Portals von Moissac (ist) so ungeheuer eindrücklich, weil sie das zeitgenössische mönchische Erleben in den Blick stellt. Und tatsächlich, das Tympanon von Moissac ist eine Vision. Genauer, es stellt sie dar, die Vision des Johannes in der Offenbarung." (2)
Ausführlich würdigt Geese das Portal der Abteikirche. Seine Ausführungen sollen deshalb nachfolgend wiedergegeben werden. Er schreibt:
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Thronender Christus und Tetramorph
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Jesaja am Türpfosten re.
"Im Zentrum thront der gekrönte Christus, hoheitsvoll, unnahbar, Menschlich-Irdischem entrückt, allein die Ordnung des Himmels verkörpernd. Er ist umgeben vom Tetramorph, den vier Symbolen der Evangelisten, die ihrerseits flankiert sind von zwei Engeln mit Schriftrollen. Sie sind der einzige Hinweis auf das Weltgericht. Den übrigen Raum nehmen die vierundzwanzig Ältesten ein, jeweils zwei im oberen Register, je drei in dem darunter und die anderen unter dem 'gläsernen Meer', den Wellen zu Füßen des Erhabenen. Der seltsame, aus Bestienmäulern wachsende Mäander am Rand des Bogenfeldes wird als Heraklesband gedeutet, als Fessel des Höllenhundes Cerberus. Unterfangen wird das Tympanon vom Türsturz, auf dem Feuerräder das höllische Feuer der Apokalypse symbolisieren. Das Ganze ruht auf zwei mächtigen Türpfosten, die ungewöhnliche, nach innen in Wellen gezackte Profile bilden, und überlängte Reliefstatuen von Petrus, dem Patron der Abtei, links, und von Jesajas, gegenüber, tragen."

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Trumeaupfeiler
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Trumeaupfeiler (Detail)
Besondere Beachtung erfährt in Adsons Vision auch der Trumeaupfeiler (der Mittelpfeiler). Uwe Geese weiter: "Adsons Vision beschreibt, bis auf literarische Abweichungen, die Außenseite des Trumeau, und seine Frage, Zeugnis tiefer Unsicherheit, beschäftigt jeden Betrachter. Was bedeuten diese Löwen? Der Physiologius (eine Art Nachschlagewerk für die romanische Tierwelt, das bereits auf die Antike zurückgeht und, immer wieder überarbeitet und ergänzt, sich bis ins hohe Mittelalter großer Beliebtheit erfreute, Anm. hb) beschreibt seine guten Seiten, die ihn mit Christus in Beziehung setzen. Auch hier scheinen sie in einer Bedeutung von Stärke zu stehen, da sie den Sturz tragen. Auf dem Trumeau erscheinen sie aber vor dem Hintergrund der höllischen Feuerrosetten des Architravs, was sie, äußerst qualitätvoll gestaltet, eher in den Ruch des Bösen bringt. An diesem Beispiel zeigt sich die schillernde Vieldeutigkeit der romanischen Bildsprache und die bedrohliche Nähe von Gut und Böse, die sie häufig offenbart."

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Jeremias am Trumeaupfeiler
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Jeremias (Detail)
"Von höchster bildhauerische Qualität zeigen sich auch die Figuren an den Seiten des Trumeau, links der Apostel Paulus, rechts der Prophet Jeremias. Vor allem letzterer ist der bildhauerische Gipfel der Moissac-Skulptur. In starker Überlängung dem Pfeiler angepasst, entfaltet die Figur ein extrem in sich gedrehtes Standmotiv, das mit den Mustern antiker Figurenbeschreibung kaum fassbar ist. Die Figur scheint fest auf beiden Beinen zu stehen, aber die sind sonderbar gekreuzt, das linke über das rechte, was beinahe tänzerisch anmutet. Die Hüfte, leicht aus der Pfeilerseite gedreht, folgt dem Standmotiv, während der Oberkörper eher starr daraufsitzt. Dem wendet sich das Haupt in heftiger Gegendrehung entgegen. Die Hände halten ein Schriftband quer über den Oberkörper, dessen Inhalt aber nicht mehr lesbar ist. In der feingliedrigen Eleganz vor allem des Hauptes mit dem langen Haupt- und Barthaar bildet er das unmittelbare Vorbild für den Jesajas von Soulliac." (2)


Und wenn Sie jetzt neugierig geworden sind auf die Vision des Adson von Melk, dann lassen Sie sich doch von der Sprachgewalt Umberto Ecos gefangen nehmen... Lesen Sie nachfolgend einen Auszug aus dem berühmten Buch (3):

Umberto Eco: Der Name der Rose. Erster Tag. Sexta.
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Tympanon
Adson erblickt das Portal, "...das im Halbdunkel erkennbar wurde. Beherrscht von einem mächtigen Tympanon, einem halbkreisförmigen Giebelfeld voller Figuren, das rechts und links auf zwei Torpfosten ruhte und in der Mitte auf einem behauenen Pfeiler, der den Eingang in zwei Öffnungen teilte, war es bewehrt mit Türflügeln aus metallbeschlagenem Eichenholz. Da die bleiche Novembersonne zu dieser Mittagsstunde fast senkrecht über dem Dach stand, fiel das Licht schräg auf die Fassade, ohne das Tympanon zu erhellen. (...) Und kaum dass meine Augen sich an das Dunkel gewöhnt hatten, traf mich wie ein Schlag die stumme Rede des bebilderten Steins, die den Augen und der Phantasie eines jeden verständlich ist (denn picture est laicorum literatura), und stürzte mich tief in eine Vision, von der meine Zunge noch heute nur stammelnd zu berichten vermag.

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"Der Da Saß"
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Christus
Ich sah einen Thron, der gesetzt war im Himmel, und auf dem Thron saß Einer, und Der Da Saß, war streng und erhaben anzusehen, die weitgeöffneten Augen blickten funkelnd auf eine ans Ende ihrer irdischen Tage gelangten Menschheit. Prächtige Locken und ein majestätischer Bart umrahmten sein Antlitz und fielen auf seine Brust gleich den Wassern eines Stromes in lauter ebenmäßigen und symmetrischen Wellen. Die Krone auf seinem Haupte war reich mit Gemmen und Edelsteinen geschmückt, das herrliche Purpurgewand, durchwoben mit goldenen Litzen und Spitzen, umhüllte in weiten Falten seine Gestalt. Mit der Linken hielt er ein versiegeltes Buch, die Rechte hob er zu einer Geste, von der ich nicht sagen kann, ob sie segnend war oder drohend. Sein Antlitz leuchtete in der blendenden Schönheit eines kreuzförmigen und blumengeschmückten Heiligenscheins, und ein Regenbogen war um den Thron, anzusehen gleich einem Smaragd.
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Und vor dem Thron, zu Füßen des, Der Da Saß, war ein gläsernes Meer wie aus Kristall, und um den Sitzenden, um seinen Thron und darüber, sah ich vier schreckliche Tiere - schrecklich für mich, der ich sie hingerissen betrachtete, aber lieblich und süß für den Sitzenden, dessen Lob sie sangen ohn' Unterlass. Genau genommen konnte man nicht von allen vier Tieren sagen, dass sie schrecklich anzusehen waren, denn schön und edel erschien mir jenes in Menschengestalt, das links von mir (also zur Rechten des Sitzenden) ein Buch in der Hand hielt.
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Aber erschaudern machte mich auf der anderen Seite ein Adler mit weitaufgerissenem Schnabel und mächtigen Klauen, die borstigen Federn als Schuppenpanzer gestaltet, die Schwingen wie zum Fluge gebreitet. Und zu Füßen des Sitzenden, unter den beiden ersten Tieren, sah ich einen Löwen und einen Stier, beide hielten ein Buch in ihren Pranken und Hufen, beide hatten den Körper abgewandt vom Throne, aber den Kopf zu ihm hin, als drehten sie gerade Schulter und Hals in wildem Ungestüm, die Flanken bebend, die tierischen Glieder zuckend, die Rachen geöffnet, die Schwänze gewunden wie Schlangen und endend in kleinen züngelnden Flammen. Beide waren geflügelt, beide gekrönt mit Heiligenscheinen, und waren trotz ihres furchtbaren Anblicks keine Geschöpfe der Hölle, sondern solche des Himmels, und wenn sie mir schrecklich erschienen, so weil sie brüllten in Anbetung dessen, der da kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.

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Rings um den Thron, um die vier Tiere und zu Füßen des Sitzenden, wie durchscheinend unter dem Wasser des gläsernen Meeres und fast den ganzen verbleibenden Raum der Vision erfüllend (angeordnet gemäß der triangulären Struktur des Tympanons in einer unteren Reihe von zwei mal sieben, darüber zu Seiten des Throns zwei mal drei und darüber wiederum zwei mal zwei), sah ich vierundzwanzig Greise auf vierundzwanzig kleinen Thronen sitzen, gekleidet in weiße Gewänder, und hatten auf ihren Häuptern goldene Kronen. In der Hand hielten sie bald ein Räuchergefäß, bald eine Laute; nur einer von ihnen spielte, doch alle blickten verzückt empor zu dem Sitzenden und sangen unaufhörlich sein Lob, die Glieder verdreht wie die der beiden unteren Tiere, aber nicht in tierischer Weise, sondern wie in ekstatischem Tanze - wie David um die Lade getanzt haben muss -, dergestalt dass, wo immer sie sich befinden mochten, ihre Blicke entgegen dem Gesetz, das die Haltung ihrer Körper beherrschte, in ein und demselben strahlenden Punkte zusammentrafen.
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Oh, welche Harmonie von Hingabe und Entrückung, von unnatürlichen und doch anmutigen Haltungen, in dieser mystischen Sprache der wie durch ein Wunder vom Gewicht ihrer Körperlichkeit befreiten Glieder, gestaltete Vielfalt, übergossen mit neuer Wesensform, als würde die heilige Heerschar getrieben von einem stürmischen Wind, von einem lebensspendenden Odem, rasende Freude, hallelujatischer Jubel, durch ein Wunder aus Klang zu Bild geworden!
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Körper und Glieder beseelt vom Geist, erleuchtet von der Offenbarung, Gesichter verzückt vor Staunen, Blicke verdreht vor Begeisterung, Wangen gerötet von Liebe, Pupillen geweitet von Glück, der eine getroffen von freudiger Überraschung, der andere von überraschender Freude, der eine entrückt in Bewunderung, der andere verjüngt durch die Lust - so sah ich die Greise singen, singen ein neues Lied, mit dem Ausdruck ihrer Gesichter, mit dem Faltenwurf ihrer Mäntel, mit der Beugung und Anspannung ihrer Glieder, die Lippen halb offen zu einem Lächeln ewigen Lobens.
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Doch während meine Seele, ergriffen von diesem Konzert aus irdischen Schönheiten und majestätisch-übernatürlichen Zeichen, gerade in einen Jubelgesang ausbrechen wollte, fiel mein Blick, dem regelmäßigen Rhythmus der Blumenrosetten zu Füßen der Greise folgend, auf die verschlungenen Figuren am Mittelpfeiler des Portals.
Details vom Türsturz
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Was sah ich da, welche symbolische Botschaft überbrachten mir jene drei kreuzförmig mit- und übereinander verschränkten Löwenpaare, aufsteigend in Bögen, die Hinterbeine einer jeden Bestie auf den Boden gestemmt und die Vorderpranken auf den Rücken der nächsten, die Mähnen gesträubt zu schlangenartigen Zotteln, die Zähne gebleckt zu drohendem Fauchen, die Körper mit dem Pfeiler verbunden durch ein Gewirr und Geflecht von Ranken?
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Zur Beruhigung meiner Seele, wie um mir kundzutun, dass diese Löwen hier angebracht waren, um ihre diabolische Kraft zu meistern und umzuwandeln in symbolische Anspielung auf die höheren Dinge, zeigten sich rechts und links an den Seiten des Pfeilers je eine menschliche Gestalt, widernatürlich langgezogen fast über die ganze Höhe der Säule, und gegenüber, auf dem gemeißelten Torpfosten, wo die Türen aus Eichenholz verankert waren, in genauer Entsprechung zwei andere Gestalten.

Petrus, Paulus, Jeremia und Jesaja
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Petrus
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Jeremia
Vier also, vier Figuren von alten Männern, an deren Paraphernalien ich bei genauerem Hinsehen Petrus und Paulus, Jeremias und Jesajas erkannte, gewunden auch sie wie im Tanzschritt, die langen knochigen Hände mit ausgestreckten Fingern erhoben gleich Flügeln, und Flügeln gleich wehten die Bärte und Haare in einem prophetischen Wind, und die Falten der langen Gewänder wölbten sich über zuckenden und extrem in die Länge gezogenen Beinen - vier hohe und hehre Gestalten, den verschränkten Löwen entgegengesetzt, doch von gleichem Material wie sie. Und während ich, fasziniert und gebannt von dieser rätselhaften Polyphonie aus heiligen Gliedern und höllischen Muskeln, den Blick weitergleiten ließ, sah ich neben dem Portal und unter den tiefen Arkaden des Vorbaus, in Stein gemeißelt zwischen den schlanken Säulen, überwölbt von der reichen Vegetation ihrer Kapitelle und von dort sich weiter verzeigend zum waldartigen Gewölbe der vielfachen Bogen, andere Visionen, die mich erschauern ließen..."

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"...und die wohl an diesem Ort nur gerechtfertigt waren durch die moralische Lehre, die sie dem Betrachter erteilten: Ich sah eine Lüsterne, nackt und entfleischt, rot von ekligen Schwären, Schlangen fraßen an ihrem Leib, daneben ein trommelbäuchiger Satyr mit pelzigen Greifenklauen und einer obszönen Fratze, die ihre eigene Verdammnis hinausschrie; und ich sah einen Habsüchtigen, starr in der Starre des Todes auf seinem prunkvollen Lotterbett, nun feige Beute einer Schar von Dämonen, deren einer ihm aus dem röchelnden Munde die Seele zog, sie hatte die Form eines kleinen Kindes (Wehe, nie wird es für ihn eine Auferstehung zum ewigen Leben geben!);
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und ich sah einen Hoffärtigen, dem ein Alp auf der Schulter hockte und mit spitzigen Krallen die Augen auskratzte, und ich sah noch mehr Dämonen, ziegenköpfige, löwenmähnige, panthermäulige, gefangen in einem Flammenwald, dessen Brandgeruch ich fast zu riechen meinte.
(...)

Mich schauderte, meine Glieder zitterten wie durchtränkt vom eisigen Winterregen. (...)"
Text zitiert aus: Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung GmbH, München, 2004, S. 60 ff.


Die Seitenwangen des Portals

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Linke Seitenwange
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linke Seitenwange
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Rechte Seitenwange
Auch wenn der junge Novize Adson von Melk beim Betrachten der grausigen Szenen erschauerte, wir können uns heute der Betrachtung in aufgeklärter Ruhe hingeben. Die Skulpturen der Portalwangen wurden zeitlich nach dem Tympanon geschaffen, wahrscheinlich in den Jahren 1135/40. Sie folgen einem klaren Schema: Links werden von (oben nach unten zu lesen) das Laster und das Böse, rechts (von unten nach oben zu lesen) die Erlösung und das Gute dargestellt. Beginnen wir links:

Kapitelle und Dämonen
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Links: Habgier, Wollust und die Geschichte vom reichen Prasser und vom armen Lazarus


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Von rechts nach links: Der Reiche sitzt mit seiner Frau am gedeckten Tisch, ein Diener wartet auf. Vor der Tür liegt sterbend der arme Lazarus, dessen Körper über und über mit Schwären bedeckt ist. Die Hunde lecken seine Wunden. Doch der Engel ist schon da, bereit, seine Seele in Empfang zu nehmen. Die Seele (in Form eines Kindes) landet schließlich geborgen in Abrahams Schoß, eine weitere Gestalt mit Schriftrolle (deren Text verloren ist) kommentiert das Geschehen.
Mit dem Reichen nimmt es ein schlimmes Ende: Als er auf dem Sterbebett liegt und seine Frau ihn beweint, nehmen Dämonen seine Seele in Empfang, einer schleppt schnell den schweren Geldbeutel herbei ...

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... und mit dieser Last am Hals leidet der reiche Prasser unendliche Qualen im Feuer der Hölle:

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Geiz / Habgier
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Wollust / Unkeuschheit
Trotz des schlechten Erhaltungszustandes ist es ein grausiger Anblick: links sitzt dem Habgierigen der Dämon im Nacken, rechts haben sich Schlangen in die Frau verbissen. Avaritia und Luxuria - Habsucht und Unkeuschheit werden als verdammungswürdige Eigenschaften vorgeführt. Zu den Todsünden gesellt sich hier Kritik an der Gesellschaft: ökonomisches und sinnliches Gewinnstreben werden verurteilt, untergraben sie doch die Fundamente der mittelalterlichen Feudalgesellschaft. (Uwe Geese, 2) Freizügig haben die mittelalterlichen Bildhauer die Luxuria gestaltet, deren lange wellige Haare ihre Sinnlichkeit unterstreichen. Und der dickbäuchige Teufel, der sie am Handgelenk packt, ist sowas von hässlich...


Rechts: Der Heilsplan - Die Erscheinung Christi

Dem auf der linken Portalwange dargestellten "Bösen" wird auf der rechten Portalwange "das Gute", die erste Erscheinung Christi gegenübergestellt. Diesmal ist der Zyklus von unten nach oben zu lesen und leitet so zum Tympanon (mit der Wiederkunft Christi am Jüngsten Tag) über.

Bild "Moissac6_07.jpg" Die oberen Reliefs zeigen rechts die Dar-
 bringung Jesu im Tempel, in der Mitte die
 Flucht nach Ägypten und links eine Szene,
 die keinen Eingang in den Kanon der Bibel
 gefunden hat. s.u.*)
Bild "Moissac6_05.jpg"Bild "Moissac6_06.jpg" Von weit kommen die Könige, um dem
 Kind, das sich ihnen im rechten Feld ent-
 gegenstreckt, die Geschenke zu über-
 bringen.
Bild "Moissac6_03.jpg"Bild "Moissac6_04.jpg" Die Geschichte beginnt unten links mit der
 Verkündigung an Maria und wird rechts
 fortgesetzt mit der Heimsuchung (die
 schwangere Maria besucht ihre ebenfalls
 schwangere Verwandte Elisabeth).

*) So wird berichtet, dass beim Einzug der heiligen Famile in die Stadt Sotine die falschen Götzenbilder von ihren Podesten stürzten. Das kann man hier links deutlich erkennen:

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Kapitelle in der Vorhalle

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In der Vorhalle
Hat man das Portal durchschritten, dann steht man in der Vorhalle, die das Untergeschoss des Narthexturmes bildet. Im dämmrigen Halbdunkel erkennt man acht recht gut erhaltene Kapitelle. Sieben weisen figürliche Darstellungen auf, darunter die hochinteressante Darstellung des Kampfes von Samson mit dem Löwen. Doch wir finden auch Wölfe und Füchse mit einem Schaf bzw. einer Gans im Maul, Tierköpfe, aus deren Mäulern Ranken wachsen und röhrende Hirsche. Das einzelne Pflanzenkapitell mit den verführerischen Früchten könnte für die Versuchung stehen, die Raubtiere für die dräuenden Gefahren und Samson im Kampf mit dem Löwen für Überwindung und Sieg. (Günther Kälberer)

Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_01a.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_01b.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_01c.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_01d.jpg"
Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_02a.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_02b.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_03a.jpg"
Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_04a.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_05a.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_05b.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_05c.jpg"

Bemerkenswert ist das Kapitell mit der Darstellung des Samson: Dieser setzt mit unbändiger Energie seinen Fuß in den Nacken des Löwen und reißt dabei das Maul des Löwen mit aller Kraft nach hinten.

Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_06a.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_06b.jpg"Bild "Moissac_Vorhalle_Kapitell_06c.jpg"

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  Mithras tötet den Stier, Va-
  tikanische Museen, (antike
  Darstell., Kopf ergänzt)
"...Sein rechtes Bein (verläuft) parallel zu dem ausgestellten Hinterlauf des Tieres (...). Wie bei dem antiken Mithras-Motiv überschneiden sich damit dynamisch die zwei gegenläufigen Bewegungen des Zurückreißens und Nach-vorne-Tretens mit den zwei Reliefschichten des dadurch überkreuzten Körpers, wodurch dieser in alle Richtungen ausgespannt wirkt. Selbst der als bewegtes Beiwerk meist hinter Mithras aufflatternde Gewandzipfel fehlt bei dem Samson von Moissac nicht, dessen aus dem Kapitell heraus gewendetes Gesicht mit der griechischen Nase, den scharf eingeschnittenen Augen über hohen Wangenknochen, den Henkelohren und dem ornamental wie ein Tuch vorgehängten Bart mit stilisiert lächelndem Mund auffällig starke Züge archaischer Plastik zeigt." (Stefan Trinks, 4)




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(1) Thorsten Droste, Julia Hennings: Frankreich, Der Südwesten, DuMont Kunstreiseführer, DuMont Reiseverlag, Ostfildern 2012, S. 120 ff.
(2) Uwe Geese: Romanische Skulptur, in: Die Kunst der Romanik. Architektur, Skulptur, Malerei. Hrsg. von Rolf Toman. Könemann Verlag. Köln 1996, Tandem Verlag. Köln 2007, S. 260 ff.
(3) Umberto Eco: Der Name der Rose, Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, Lizenzausgabe der Süddeutschen Zeitung GmbH, München, 2004, S. 60 ff.
(4) Stefan Trinks: Antike und Avantgarde. Skulptur am Jakobsweg im 11. Jahrhundert: Jaca – León – Santiago, Berlin 2012

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weiter zu:
--> Moissac - Teil 2, Kapitelle im Kreuzgang (A)
--> Moissac - Teil 3, Kapitelle im Kreuzgang (B)


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nach Figeac, Saint-Sauveur

oder