Romanische Portale und Kapitelle in Toulouse - Teil 1


Die Basilika Saint-Sernin in Toulouse

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Saint-Sernin von Osten
Die Kirche Saint-Sernin ist mit ihren 115 Metern Länge eines der größten romanischen Bauwerke. Schon früh ist die Verehrung des heiligen Saturninus (Saint-Sernin) am Ort bezeugt. Sernin starb den Märtyrtod - er wurde von einem Stier zu Tode geschleift - als er sich weigerte, den römischen Göttern zu opfern. Um die wachsenden Pilgerzahlen zu fassen, wurde 1060 der Bau einer neuen großen Kirche beschlossen, die seine Gebeine birgt und außerdem eine wichtige Etappe auf dem Weg der Jakobspilger nach Santiago de Compostela war. Bereits 1096 war der Chorbereich soweit fertiggestellt, dass der Altar unter Anwesenheit des Papstes Urban II. geweiht werden konnte. Graf Raymond von Toulouse war übrigens auch da und ließ sich vom Papst segnen, um anschließend zum ersten Kreuzzug nach Jerusalem aufzubrechen. Beeindruckend ist die Ostpartie, an den Chor schließt sich ein gewaltig ausladendes Querhaus an. Der Turm über der Vierung misst 65 Meter Höhe.
Im Laufe der Zeit wurde ein umfangreicher Reliquien- und Kirchenschatz*) angehäuft, der im sogenannten "Reliquiengang" (dem Chorumgang) und in der Krypta besichtigt werden konnte (und kann).

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Westfassade und Westportal

Fertiggeworden ist die Kirche dennoch nicht: Der Mittelbau der Westfassade sollte ursprünglich von zwei Türmen flankiert werden. Sie blieben unvollendet, der Nordturm wurde sogar erst 1927/29 in der Höhe dem Südturm angepasst. (Man kann den Bauabschnitt an dem unterschiedlichen Backstein gut erkennen.)

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Widder und Löwe,
Museé Augustin, s. u.
Der untere Teil enthält das romanische Doppelportal, in dessen Gewände acht Säulen eingestellt sind. Deren Kapitelle enthalten ein phantastisches Rankenwerk, in das sich skurrile Wesen verstrickt haben. Obwohl die Westfassade unvollendet blieb, muss sie doch einst (wie in Texten erwähnt) über mehrere Marmorreliefs verfügt haben, darunter Darstellungen des heiligen Saturninus und des heiligen Martial. Vermutlich gehörte auch das geheimnisvolle Relief der zwei Frauen mit dem Widder und der Löwenfigur dazu. Es befindet sich heute im Museé Augustin.
Über dem Portal befinden sich fünf Arkaden, darüber eine große Fensterrose (ohne Maßwerk).

Kapitelle am Westportal, links
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Kapitelle am Westportal, rechts
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An der Südseite von Saint-Sernin: Die Porta Miègeville (Pòrta Mièja Vila)

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Der Name leitet sich ab mièja vila, was soviel wie Stadtmitte bedeutet. Denn die Straße, die direkt auf das Portal zuführt, ging durch die Stadtmitte und entsprach in etwa dem alten römischen cardo und war somit eine der Hauptachsen der Stadt. Ein Vorbau an der Südwand nimmt das gestufte romanische Portal aus der Zeit um 1110/15 auf. Davor befindet sich noch ein weiteres schönes Renaissanceportal (um 1530) im sogenannten Plateresk-Stil als letztes Zeugnis der einstigen Begrenzung des Geländes.

Das Miègeville-Portal
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Das Gesims des Portals wird von acht Konsolen gestützt, deren Deutung heute Rätsel aufgibt: Haben die Figuren Unheil abwendende Funktion? Oder stellen sie Warnungen vor lasterhaftem Leben dar? Seltsam erscheinen die beiden Frauenfiguren - die eine mit flammendem Haar, die andere präsentiert ihre Reize... Dabei hält sie beiläufig eine Perle (?) in den Fingern - oder ist es etwa die gemma augusteia, der berühmte Stein des Kaisers Augustus, der sich nachweislich lange Zeit im Kirchenschatz von Saint-Sernin befand?

Rätselhafte Konsolen am Miègeville-Portal
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Kein Zweifel bezüglich der Deutung herrscht hingegen beim Tympanon, einem Meisterwerk romanischer Bildhauerkunst: Es handelt sich um Christi Himmelfahrt. Christus steht mit erhobenen Händen und aufwärts gerichtetem Blick im Zentrum des Reliefs kurz vor dem Abheben. Allerdings scheint es nicht so einfach zu sein, denn zwei Engel unterstützen ihn und greifen ihm hilfreich unter die Arme. Vier weitere Engel begleiten jubelnd die Szenerie. Zum erstenmal in der Geschichte wird hier die Himmelfahrt Christi in einem Tympanon dargestellt, wobei der Meister sicherlich Anregungen aus der Buchillustration verarbeitet hat.


Tympanon: Christi Himmelfahrt
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Auf dem Türsturz schauen die 12 Apostel mit erhobenen Händen dem ungewöhnlichen Ereignis zu. In der Mitte sind Petrus anhand eines großen Schlüssels und Paulus mit seiner hohen Stirn zu identifizieren, die anderen halten Bücher in den Händen. Links und rechts außen vervollständigen zwei Engel mit lustigen Zipfelmützen (es sind phrygische Mützen) die Reihe, sie weisen darauf hin, dass die Himmelfahrt auch Wiederkunft bedeutet...


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Der Türsturz liegt auf zwei Konsolen mit reichem bildhauerischen Schmuck. Klar, links wird König David mit seinem Instrument dargestellt, doch was mögen die beiden auf Löwen reitenden Frauen an der rechten Konsole bedeuten? Sie tragen phrygische Mützen, ihre Beine sind überkreuzt, jeweils ein Fuß ist beschuht...



Zwei seitliche Figuren am Miègeville-Portal: Jakobus und Petrus


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Links und rechts neben dem Portal befinden sich die Marmorfiguren der Apostel Jakobus d. Ä. (links) und Petrus (rechts). Jakobus*) ist ein Hinweis auf die Bedeutung der mittelalterlichen Wallfahrt. Er steht mit den Füßen auf vogelähnlichen Tieren, über seinem Kopf macht der aufmerksame Betrachter zwei Figuren aus, die versuchen Ranken zu bändigen oder sich bereits in ihnen verfangen haben. Noch mehr Rätsel geben die drei Gestalten unter Jakobus auf: ein Mann hält die Köpfe von zwei Frauen, die auf Löwen sitzen...
  
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Auf der rechten Seite des Portals ist Petrus, die Hand zum Segensruß erhoben, wie immer an seinen Schlüsseln erkennbar. Seine Füße treten zwei Löwen nieder, über ihm schweben zwei Engel. Unter Petrus wird ein Mann von zwei geflügelten Dämonen mit spitzigen Krallen und herrlich großen Zungen festgehalten. Die Inschrift verrät, dass es sich um Simon Magus handelt, der eine (vergebliche) Himmelfahrt versuchte und dabei jämmerlich abstürzte...

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Vier Kapitelle am Miègeville-Portal


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Vier Säulen mit schön gestalteten Kapitellen sind in das Portalgewände eingestellt. Das Kapitell rechts außen zeigt Löwen im Rankenwerk, die anderen drei Kapitelle sind thematisch aufeinander bezogen: Rechts innen sehen wir den Sündenfall, Adam und Eva werden aus dem Paradies vertrieben. Doch die Erlösung bzw. der Erlöser naht: Am Kapitell links innen verkündet Erzengel Gabriel Maria, dass sie schwanger ist, ein anderer Engel schwenkt dazu ein Weihrauchfass. Daneben wird die Heimsuchung dargestellt: Maria besucht die ebenfalls schwangere Elisabeth, eine dritte Figur hält über die beiden das Kreuz. Links außen zeigt das Kapitell den Kindermord zu Bethlehem - es wird wohl noch eine Weile dauern mit der Erlösung ...

Kapitelle rechts
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Kapitelle links
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*) Eine Zeitlang wurde sogar behauptet, dass die Gebeine des Apostels Jakobus in St-Sernin liegen würden, was zu einiger Verwirrung führte. Das geflügelte Wort vom "Wahren Jakob" geht auf diese Zeit zurück...


Am Südquerhaus: Das Portal der Grafen - La Porte des Comtes


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Bogennische mit Sarkophagen
Das Doppelportal am Südquerhaus hat seinen Namen nach der benachbarten seitlichen Bogennische, die im Mittelalter zur Bestattung der Grafen von Toulouse diente. Das Portal selbst ist in einen Vorbau integriert, dessen Dachgesims von 16 figurierten Konsolen getragen wird. Drei Reliefplatten schmückten einst den Vorbau - an der mittleren ist wenigstens die Inschrift Sanctus Saturninus erhalten, so dass man davon ausgehen kann, dass hier der hl. Saturninus in Begleitung zweier Löwen als Schutzpatron der Kirche diesen zentralen Platz einnahm. Welche Darstellungen sich in den anderen Relieffeldern befanden, ist nicht bekannt.

Porte des Comtes
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Acht Säulen sind in die Gewände eingestellt, einige davon bestehen aus Marmor. Die Figurenkapitelle stellen u. a. Themen aus dem Kreis der Laster, der Wollust und des Geizes dar. Von rechts nach links: Ganz rechts außen sehen wir den reichen Prasser am Tisch sitzen, er weist den armen Lazarus (hier bereits mit einem Heiligenschein versehen) ab, nur die Hunde springen dem Lazarus entgegen... Im nächsten Kapitell tragen zwei Engel die Seele des inzwischen verstorbenen Lazarus in einer Mandorla. Dann sehen wir dämonische Greife, die den Kopf des Mannes verschlingen und am Mittelpfosten (gleich zweimal!), wie zwei Männer einen dritten an den Armen festhalten. Es  folgen weiter links grausige Szenen, zwei schuppige Schlangen haben sich fest an einer Frau verbissen, ein Geiziger hat seinen unendlich schweren Geldsack am Hals und wird von Dämonen gequält, und ganz links außen wird ein anderer ebenfalls von Dämonen festgehalten und höchst unangenehm gepiesackt...

Porte des Comtes, Kapitelle am rechten Portal - rechts
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Porte des Comtes, Kapitelle am rechten Portal - links
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links - Porte des Comtes, Kapitelle am linken Portal - rechts
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Musée des Augustins