Backsteinbauten in Polen


Reszel/Rössel: Burg und Kirche

Bild "Reszel1_01.jpg"Bild "Reszel1_02.jpg"
Die kleine Stadt Reszel (dt. bis 1945: Rössel) hat ihre mittelalterliche Struktur der Straßen mit Marktplatz, Kirche und Burg bewahrt. Am Eingang zur Stadt wird man schon auf die Sehenswürdigkeiten hingewiesen. Wir gehen über die aus Backstein errichtete gotische Brücke und schauen uns zuerst die Burg an. Boetticher /1/ beschreibt sie wie folgt:

Die Burg Rössel

Bild "Reszel1_03.jpg"
"Die Burg Rössel wurde 1240 oder 1241 am schroff abfallenden Ufer der Zaine, die sie von zwei Seiten umschließt, aus Holz erbaut, aber im Pruzzen-Aufstande 1262 vom Deutschen Orden wieder verlassen und verbrannt. Im Jahr 1273 war die Burg schon wieder im Besitz des Deutschen Ordens. Verwüstungszüge der Litauer 1311 und 1353. 1350 Teilung zwischen dem Bischofe und dem Domkapitel." (Die Burg wird dem Ermländischen Bischof überlassen - hb)

"Im Jahr 1350-1355 ist die nunmehr bischöfliche Burg, welche bislang nur aus Erdwerk und Holz bestand, vom Bischof Johann I. in Stein ausgebaut."


"Der Bischof Johann II. Streifrock (1355-1373) setzte den Bau fort. Auch sein Nachfolger Heinrich Sorbom (1373-1401) baute noch daran. In den polnischen Kriegen wurde die Burg zerstört und durch die Bischöfe Simon Rudnicki (1604-1621) und Wenzeslaus Lescynski (1644-1659) wiedergebaut.
Nach der Vereinigung Ermlands mit Preußen 1772
(Polen wurde geteilt, das Ermland fiel an die preußische Provinz Ostpreußen - hb) ward die Burg als Strafanstalt eingerichtet, was sie bis 1807 blieb. In diesem Jahr brannte die Burg aus und blieb bis 1822 als Ruine stehen, wo der Südflügel zur evangelischen Kirche umgebaut wurde. In diesem Jahrhundert wurden die Arkaden des inneren Kreuzganges abgebrochen. Später noch wurde die Außenmauer der Burg, in welcher das schöne Eingangstor stand, auf Abbruch verkauft. Im Jahr 1845 wohnte der Pfarrer und der Rektor hier.
Es ist hohe Zeit, dass für die Burg etwas geschieht: namentlich muss der runde Turm eingedeckt werden, wenn er nicht zerfallen soll.
" (Boetticher, /1/)
Bild "Reszel1_04.jpg"Bild "Reszel1_05.jpg"

Boetticher weiter:
Bild "Reszel_Lageplan2.jpg"Bild "Reszel_Burg3.jpg"
Rekonstruktion nach Garniec /2/
(Um-)Zeichnung: hb
"Die Burg - auf einer mäßigen, aber steil abfallenden Anhöhe, von zwei Seiten von Wasser umgeben - umschließt einen rechtwinkligen Hof, worin der Kreuzgang lag (...). Möglich, dass sich der Kreuzgang nur um zwei Seiten herumzug. Wir geben hier die von Quast'sche Anordnung wieder, weil sie in der Hauptsache doch einen brauchbaren Lageplan bietet. Abb. 159 nach Jester." (Abb. links aus /1/)

Bild "Reszel1_06.jpg"

Bild "Reszel1_07.jpg"
"Sehr interessant ist die Verteidigung der Burg durch Maschikulis, die, jetzt vermauert, an der Eingangsfront liegen und an denen vorüber der Wehrgang in den mächtigen runden Turm führt.
Im Westen liegt das gut erhaltene, mit zwei Fallgattern und überdies noch mit einem starken Balken abzusperrende Eingangstor mit zwei granitenen Wandpfeilern. Im Südflügel lag nach von Quast die Burgkapelle.
Der Parcham wird von einer im W und O, jetzt fast überall niedergerissenen, doppelten Mauer umgeben, welche im NW einen bastionartigen kreisrunden Ausbau und an der Nordseite zwei halbkreisförmige Türme hatte. Unter ihnen der Dansker. Im SW lag das abgebrochene Eingangstor.
"

Nach einem Entwurf von Schinkel wurde der Südflügel der Burg 1822/23 zu einer evangelischen Kirche umgebaut (heute eine Kunstgalerie). Die Fassade des Flügels wurde mit einem Giebel und einem schlanken Glockenturm versehen, der den  Gesamteindruck doch ziemlich stört. Die Burg ist heute umfassend saniert und restauriert, aktuell befinden sich ein Hotel und die besagte Galerie darin.

Die Stadt Rössel

Boetticher schreibt weiter:
Bild "Reszel_Lageplan1.jpg"
Lageplan, aus /1/
Bild "Reszel1_08.jpg"
Rathaus
"Die Stadt Rössel ist 1337 während der Sedisvakanz des bischöflichen Stuhles vom Domkapitel gegründet. Reste der mittelalterlichen Befestigung in gotischem Ziegelverband sind vielfach noch vorhanden, namentlich auf der Westseite. An der Nordseite steht noch ein Turm im gotischen Verbande, jetzt als Gefängnis benutzt. Reste des Stadtgrabens überall. Im Zaineflüsschen lag eine Stauanlage, wovon noch alte Mauerreste (zeugen)."

Bild "Reszel1_09.jpg"Bild "Reszel1_10.jpg"Bild "Reszel1_11.jpg"Bild "Reszel1_12.jpg"
Reste der Stadtmauer und ehemaliger Wehrturm

Die Pfarrkirche St. Petrus und Paulus

Boetticher schreibt über die Kirche:
Bild "Reszel2_01.jpg"Bild "Reszel2_02.jpg"
"Westlich von der Burg ist (die Kirche), hart am Abhange des Zainbaches gelegen, im Äußeren 40,5 m lang, 23,8 m breit mit einem Turm von 10,7 m Länge. Die Südseite macht klar: Auf Feldsteinfundament gefugter Ziegelbau im gotischen Verbande; je fünf schmale Spitzbogenfenster, durch Strebepfeiler von einander getrennt. Ein Kaffgesims umzieht die ganze Kirche in Sohlbankhöhe. Vermauerte, einmal abgetreppte, spitzbogige Tür im zweiten südlichen Joche vom Hochaltar. Im Osten ist ein niedriger Anbau in der Breite des Mittelschiffs mit Pultdach. Die Sakristei ist im Norden bis zum östlichen Abschluss der Kirche vorgelegt; sie hat ein Obergeschoss, das ein Schleppdach trägt, welches die Fortsetzung des Kirchdachs bildet."

Bild "Reszel2_03.jpg"Bild "Reszel2_04.jpg"Bild "Reszel2_05.jpg"Bild "Reszel2_06.jpg"

Die Vorhalle an der Nordseite zeigt noch die Spuren eines schönen und reichen Treppengiebels, wie ihn v. Quast restauriert gezeichnet hat. Der Turm hat im Erdgeschoss drei spitzbogige Eingänge; der westliche ist mit Birnstäben und Hohlkehlen reich profiliert. In den übrigen Geschossen teils gekuppelte Spitzbogenblenden, teils spitzbogige Fenster."

Bild "Reszel2_08.jpg"Bild "Reszel2_07.jpg"
Die im 14. Jahrhundert errichtete Pfarrkirche St. Peter und Paul in Reszel ist eine dreischiffige Hallenkirche. Im 15. Jahrhundert wurde die Kirche umgestaltet, im Innern entstanden die schönen 16-teiligen Sterngewölbe von Niclis Scheunemann, aus der gleichen Zeit (1475) stammt auch der Ostgiebel. Bei dem großen Stadtbrand 1806 brannte die Kirche aus, die darauffolgende Erneuerung der Inneneinrichtung erfolgte im typischen Stil der damaligen Zeit (1820). Gehen wir hinein und lassen Boetticher noch einmal zu Wort kommen:

Bild "Reszel2_09.jpg"Bild "Reszel2_10.jpg"
"Dreischiffige Hallenkirche. Fünf Joche sechzehnteiliges, geripptes Sterngewölbe, welches auf neueren Konsolen aufsetzt, die über dem Kapitell der achteckigen Pfeiler sitzen. Beide Seitenschiffe haben ebenfalls sechzehnteiliges, geripptes Sterngewölbe, die auch im Kapitell, also niedriger, aufsetzen. (...) Die Scheidbögen sind profiliert. Die Kirche ist gut ausgemalt, namentlich wirken die Gewöbe in hellgelb, die Rippen in Rohbau und die Schlusssteine in rot, blau und grün, sowie die Laibungen zwischen den Schiffen, auf welchen Ranken in natürlicher Färbung aufgemalt sind, sehr würdig und vornehm. Die spitzbogigen Fenster haben neues Ziegelmaßwerk erhalten und um sie sind große, spitzbogige Nischen ausgespart."

Bild "Reszel2_11.jpg"Bild "Reszel2_12.jpg"
16-teilige Sterngewölbe im Seiten- und im Mittelschiff

Bild "Reszel2_13.jpg"
"Hochaltar im Empirestil, von Biereichel Sohn gefertigt. Mittelbau: Zwischen je drei kannelierten, korinthischen Säulen ein Ölgemälde von Blank-Warschau aus dem Jahr 1822: der hl. Petrus und hl. Paulus (Geschenk des Fürstbischofs Joseph von Hohenzollern); links steht der Apostel Judas Thaddäus, rechts Simon. Verkröpftes Gebälk mit Giebel über dem Mittelbau. Zweites Geschoss: Zwischen je zwei korinthischen Säulen Ölgemälde von Blank der hl. Katharina; links steht Jakobus major, rechts Philippus. - In den Seitenbauten sind die korinthschen Säulen durch Festons miteinander verbunden. Verkröpftes Gebälk. Oberer Aufsatz durch vier in Voluten endigende Pilaster dreiteilig gemacht." (Boetticher)

Die Kirche enthält weitere Schätze, darunter die Kanzel und mehrere Seitenaltäre. Sehr interessant sind aber auch die in den 1980er Jahren gestalteten Glasfenster. Sie bieten ein äußerst buntes Bild. Neugierig geworden? Dann schauen Sie hier: ->Glasfenster in Reszel

Bild "0_back.png"
zur Übersicht: Backsteinbauten in Polen
oder
Bild "0_next.png"
zu verschiedenen Exkursen


---------------------
Literatur
1) Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen, bearbeitet von Adolf Boetticher, Heft IV. Das Ermland, Königsberg 1894
2) Malgorzata Jackiewicz-Garniec, Miroslaw Garniec: Burgen im Deutschordensstaat Preußen, Olsztyn 2006, S. 376