Exkurse zur Architektur: Innenräume barocker Kirchen

In Polen:

Die Friedenskirche in Swidnica/Schweidnitz

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Seit 2001 stehen die zwei sogenannten "Friedenskirchen" in Jawor/Jauer und Swidnice/Schweidnitz auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Was hat es damit auf sich?
Nachdem 1648 der Dreißigjährige Krieg beendet war, erlaubten die katholischen Habsburger (auf Druck Schwedens) den schlesischen Protestanten den Bau von drei "Friedenskirchen" (Schweidnitz, Jauer und Glogau) in der katholischen Gegend. Allerdings unter Bedingungen: Die Gebäude sollten von außen nicht wie Kirchen aussehen und mussten innerhalb eines Jahres aus vergänglichen Materialien errichtet werden.

Dreifaltigkeitskirche (Friedenskirche) in Swidnica/Schweidnitz
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Von der Informationstafel neben der Kirche erfahren wir Weiteres aus der Begründung des UNESCO-Welterbekommittees: "Im Ergebnis der Auflagen, die von der in diesem Gebiet herrschenden Habsburger Monarchie auferlegt wurden, erforderte die Errichtung der Friedenskirchen von den Baumeistern die Anwendung von architektonischen Lösungen, die nie zuvor praktiziert worden waren. Ihre erstaunliche Ungewöhnlichkeit bewirkt auch die Tatsache, dass trotz der allgemeinen Skepsis gegenüber der Beständigkeit und Solidität der errichteten Objekte, diese bis heute überdauert haben. Die Friedenskirchen stellen ein Zeugnis einer Entwicklung einer politischen Kraft besonderer Art im Europa des 17. Jahrhunderts dar, angereichert mit enormer Kraft und enormen Engagement." (kursiver Text: Infotafel)

Von den drei Kirchen blieben die in Jawor/Jauer und in Swidnica/Schweidnitz erhalten. Schauen wir uns den Friedensplatz in Schweidnitz und vor allem die darauf stehende Kirche etwas näher an!

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Im Innern sehen wir zwar viel Holz, werden dabei aber von Gold und barockem Prunk überrascht - sollte nach dem Willen der Habsburger nicht alles möglichst einfach sein? Auf der Informationstafel vor der Kirche ist dazu folgendes zu lesen: "Europaweit (ist es) die größte Holzkirche aus der Barockzeit (Gesamtfläche 1090 m²), die in Fachwerktechnik errichtet wurde. Ihre Bezeichnung knüpft an den Westfälischen Frieden (1648) an, der den Dreißigjährigen Krieg beendet hat. Über dem Haupteingang steht die Inschrift 1652 und bezeichnet das Jahr, in dem die Habsburger den Bau einer evangelischen Kirche bewilligt haben, aber außerhalb der Stadtmauern und aus unbeständigen Baustoffen wie Holz, Sand, Stroh und Ton, ohne Türme und Glockenturm. Das Gebäude durfte nicht an eine Kirche erinnern und seine Bauzeit durfte kein Jahr überschreiten.

Barocke Ausstattung: Altar, Kanzel, Orgel, Logen, ...

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Innenansicht
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Hauptaltar
Im Innern dominieren der hölzerne, reich verzierte Altar aus dem 18. Jh., die Kanzel und die Orgel mit wundervollem Barock-Prospekt und beweglichen musizierenden Engelsfiguren. Es ist die größte Orgel in der Region mit 62 Stimmen, die aus fast viertausend Pfeifen besteht. Sie stammt von der Firma Schlag & Söhne aus Schweidnitz. Über dem Altar befindet sich noch eine zweite, kleinere Orgel aus dem 17. Jahrhundert."

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Der Altar wurde 1752 zum 100. Jahrestag der Baugenehmigung von August Gottfried Hoffmann geschaffen. Der untere Bereich zeigt zwischen Säulen in einem tempelartigen Ambiente Jesu Taufe. Darüber hinaus symbolisiert dieser "Tempel" mit der Inschrift: "Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe" die göttliche Weisheit. Den überaus prächtigen Altar bekrönt  das Agnus Dei, das Lamm Gottes, stehend auf dem Buch mit den sieben Siegeln.

Hauptaltar (Details), Dreifaltigkeitskirche Swidnica/Schweidnitz
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Ebenso spektakulär ist auch die Kanzel, ebenfalls von Gottfried August Hoffmann geschaffen: Engelsfiguren mit goldenen Flügeln bevölkern den Schalldeckel, ein weiterer Engel scheint noch im Anflug begriffen zu sein. Aus dem Gewölk brechen goldene Strahlen heraus, während der Posaunenengel ganz oben den Ruhm Gottes in die Welt hinaus bläst. Den Kanzelkorb schmücken die Darstellungen der christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung mit ihren Attributen Kreuz, Kind und Anker.

Kanzel (Details), Dreifaltigkeitskirche Swidnica/Schweidnitz
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Am Kanzelkorb befindet sich auch eine Viertelstunden-Sanduhr; so etwas soll ja sehr nützlich sein bei langen Predigten ;-)

Die große Orgel schuf Christoph Klose in den Jahren von 1666 bis 1669. Am barocken Orgelprospekt musiziert eine Vielzahl von kleinen Engeln. Alljährlich findet im Sommer ein Bach-Festival statt.

Große Orgel, Dreifaltigkeitskirche Swidnica/Schweidnitz
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1698 wurde für die Familie von Hohberg (Hochberg) eine prächtige Loge gebaut. Johann Heinrich von Hochberg auf Fürstenstein hatte den Bau der Kirche mit viel Holz aus seinen Wäldern unterstützt.

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Die Loge für die Mitglieder der Familien von Hohberg und von Reuss

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"An den Wänden der Kirche befinden sich Emporen mit Bibeltexten und allegorischen Szenen. Sie sind auch mit hölzernen Epitaphien geschmückt, die von Adels- und Bürgerfamilien gestiftet wurden, sowie mit Zunftschildern, Gedenktafeln und Wappenschilden." Wie man sieht, sind auch Feldherren dabei. (kursiver Text: Infotafel vor der Kirche)

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Epitaphien, Wappentafeln und fromme Sprüche: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben"

Barocke Malerei

Die Malereien an der Decke wurden 1696 von einheimischen Meistern (Christoph Kalicki, Christian Süßenbach) ausgeführt. Sie zeigen das Jüngste Gericht, den Fall Babylons oder auch die heilige Dreifaltigkeit (mit jubilierenden und lobpreisenden Engeln drumherum).

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An den Emporen finden wir neben erbaulichen Bibelsprüchen auch Landschaften sowie die Darstellung von historischen Ereignissen.
Und wenn man den Schilderungen an der Hohberg-Loge Glauben schenken darf, waren unter den alten Hohbergern ja wohl ziemlich tollkühne Vorfahren...

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Matthias von Hohberg nimbt Ao. 1187 die dem Kayser Fridrich dem Ersten zum Spott damahls aufge-
steckte gebräuchliche Federhütte von den Mauern der Stadt Halle, und hat hirauf zum Danck und An-
dencken die Federn ins Wappen bekommen.

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Hanß von Hohberg Kayser Heinrichs des VI. Geheimer Rath und Marschall zihet mit Konraden
Bischoffen zu Würtzburg ins gelobte Land, erobert die Stadt Joppen und erleget dabey vil Saracenen.
Ao. 1197

Die Friedenskirche in Swidnica/Schweidnitz ist ein echtes Juwel. Infolge der seit den 1990er Jahren und bis heute anhaltenden umfangreich durchgeführten Restaurierungsarbeiten (u. a. Austausch der Holzbalken, Neuvergoldungen, restauratorische Ergänzungen etc.) erstrahlt die Kirche jetzt in einem nie zuvor gesehenen Glanz. Möge ihr Name Programm sein und bleiben!

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Quellen und Literatur:
Informationstafeln neben/in der Kirche
Tomasz Torbus, Polen - Reisen zwischen Ostseeküste und Karpaten, Oder und Bug, DuMont Kunstreiseführer, Ostfildern 2011
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Wird fortgesetzt...
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zu Mauern, Toren und Türmen