Manierismus in Danzig

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Die Bauten des Manierismus in Danzig - einer Stilrichtung zwischen Renaissance und Barock - sind stark von der niederländischen Architektur beeinflusst. In Danzig wirkten im 16./17. Jahrhundert viele niederländische Kaufleute, über deren künstlerische Kontakte zum Ursprungsland erfolgte ein reger Kulturaustausch im gesamten südlichen Ostseeraum. Die errichteten Bürgerhäuser und großen Repräsentationsbauten sind sowohl Ausdruck gewachsenen bürgerlichen Selbstbewusstseins als auch des Wohlstandes. Häufig verfügen die Gebäude über hohe Giebeldächer und zeigen eine üppige Fassadendekoration - trotzdem bleibt bei aller Ornamentfülle die Fassade meist optisch und geometrisch klar gegliedert.

Das Grüne Tor in Danzig

Das Grüne Tor wurde in den Jahren von 1563 bis 1568 von Hans Kramer und dem Baumeister Regnier aus Amsterdam errichtet. Es zeigt Ähnlichkeiten zu dem zu gleicher Zeit entstandenen Antwerpener Rathaus. Besonders eindrucksvoll präsentiert sich der palastartige Bau von der Brücke über die Mottlau aus.


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Danzig, Grünes Tor, vom Langen Markt aus gesehen
Im 16. Jahrhundert machte die Entwicklung der Artillerie neue Anlagen für die Stadtbefestigung erforderlich. Das mittelalterliche System von Mauern und Tortürmen wurde in Danzig seit 1535 zugunsten von weiter hinausgerückten Bastionen und Erdwällen, in die Festungstore eingebaut wurden, aufgegeben. Jetzt konnten die alten inneren Tore repräsentativ umgestaltet werden. So entstand auch das sogenannte "Grüne Tor", ein ursprünglich grün angestrichener Backsteinbau mit Werksteingliederung. Der stattliche Bau schließt den Langen Markt zur Mottlau hin ab.

Grünes Tor: Giebel, Beschlagwerk und Figuren
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Das schlossartige Gebäude war als Quartier für den polnischen König bei einem Besuch der Stadt gedacht, wurde dafür aber kaum genutzt. Über den Durchgängen befinden sich Wappenkartuschen, drei enthalten Adler, eines das Danziger Stadtwappen:

Wappen am Grünen Tor: Adler und Kreuze
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Links sehen wir den preußischen Adler mit Krone, Szepter, Reichsapfel und den Initialen FR (Friedericus Rex). Er steht zwischen zwei "wilden Männern". Daneben befindet sich das Wappen von Königlich-Preußen (*) - ein Adler mit Schwertarm und Krone um den Hals. Rechts davon sehen wir den polnischen Adler, gekrönt und von zwei Engeln präsentiert. Das Stadtwappen von Danzig (ganz rechts) enthält zwei Kreuze unter einer goldenen Krone.
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Das Grüne Tor ist auch am späten Abend noch eine Sehenswürdigkeit, denn hier auf dem Langen Markt herrscht immer ein geschäftiges Treiben und eine ganz besondere Atmosphäre.

(*) Königlich-Preußen? Was heißt das eigentlich?

1466 überließ der polnische König im 2. Thorner Frieden dem geschwächten Deutschen Orden zwar die östlichen Teile des ehemaligen Ordensstaates, die restlichen Gebiete aber kamen unter polnische Herrschaft und wurden als "Königlich-Preußen" bezeichnet. Als Wappen diente ein vom polnischen Wappen übernommener Adler (es ist ein schwarzer Adler auf weißem Grund, das polnische Wappen enthält einen weißen Adler) mit einer Krone um den Hals und einem Schwertarm. Bei der Teilung Polens von 1722 ging das Land an das Königreich Preußen über und später, 1881, wurde der Adler mit dem Schwertarm auch als Wappen für die Provinz Westpreußen übernommen.


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Zeughaus, Giebel der West-
fassade

Das Große Zeughaus in Danzig

Kein anderer Profanbau in Danzig übertrifft das Große Zeughaus in Größe und Pracht (1). Dieses Gebäude ist ein architektonisches Juwel, das vom Wohlstand und von der einstigen Macht der Stadt kündet. Das Große Zeughaus diente als Waffenarsenal und ist das bedeutendste Beispiel des niederländischen Manierismus in Danzig. Das Gebäude wurde in den Jahren von 1600 bis 1612 errichtet, der Entwurf stammt möglicherweise vom Architekten Anthonis van Oppergen.

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Zeughaus Ostseite, aus: (3)
Als Aufbewahrungsort für Waffen wurden die meisten Zeughäuser lediglich als Zweckbauten errichtet, doch hier in Danzig haben wir es mit einem Repräsentationsbau par exzellence zu tun.
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Grundriss, aus: (3)
Als Baumaterial wurde Backstein, für die Portale und Dekorationselemente Sandstein verwendet.
Innen weist das Gebäude vier gleichartige Geschosse auf. In den unteren Räumen wurden Kanonen etc. gelagert, in den oberen Räumen befanden sich die leichteren Waffen. Die Danziger waren sehr stolz auf diese überaus prächtige "Waffenkammer" und zeigten im 17. Jahrhundert gern fremden Besuchern ihre Waffensammlung, wodurch sich die Kunde von einer gut gerüsteten und verteidigungsbereiten Stadt weithin verbreitete. (1)
Heute werden die oberen Stockwerken von der Akademie der Bildenden Künste, die unteren für wechselnde Ausstellungen genutzt.
Die beiden Schmalseiten des Gebäudes (siehe Grundriss) sind als repräsentative Fassaden ausgebildet. Die Ostseite in Richtung Stadt (Jopengasse/ulica Piwna) ist besonders aufwändig gestaltet.

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Die Ostfassade

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Zeughaus am Ende der Jopengasse
Die achsensymmetrische Fassade der Ostseite wird zusätzlich noch durch zwei Türme bereichert, die jedoch nicht sofort sichtbar sind, wenn man sich dem Gebäude von der Jopengasse aus nähert. Zuerst erblickt man nur die beiden zentralen Giebel. Die Symmetrieachse wird durch einen Brunnen sowie durch eine darüber befindliche Statue betont. Beim Näherkommen erscheint dann zunächst der linke Turm, erst am Ende der Gasse kann man die gesamte Front überblicken.

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Arnold Bartetzky (2) beschreibt diese "raffinierte manieristische Komposition" wie folgt:
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"Die Fassade entfaltet nun eine geradezu palastartige Wirkung. Als ihre dominanten Elemente erscheinen jetzt nicht mehr der Brunnen, die Statuennische und die Portale, sondern die das Gebäude überragenden Turmoktogone. Werden diese zunächst als rahmende seitliche Abschlüsse der Fassade wahrgenommen, so zeigt sich bei näherem Hinsehen, dass sich jenseits der Türme schmale, einachsige Fassadenabschlüsse anschließen, die in Aufbau, Gliederung und Dekor den Fassadensegmenten des Mittelteils entsprechen. Das der Gesamtkomposition zugrundeliegende Prinzip der Reihung von vier gleichartigen, von der typischen Form des Danziger Bürgerhauses abgeleiteten Segmenten ist erst jetzt eindeutig zu erkennen. Die Türme wirken nun gewissermaßen als den äußeren Segmenten vorgelagerte Anbauten, die die Fassade an dieser Stelle zu verdecken scheinen." (2)

"Gleichwohl vermittelt die Fassade keineswegs den Eindruck einer rein additiven Reihung von Segmenten, die sich nach Belieben fortsetzen ließe. Dem additiven Reihungsprinzip wirkt hier das - integrative - Prinzip der kompositionellen Verklammerung der Segmente entgegen, wodurch die Fassadenteile zu einem organischen, unteilbaren Ganzen vereinigt werden." (2)
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Schauen wir uns ein paar Details der Ostfassade genauer an:
In der Mittelachse und frei vor der Fassade steht ein kreisrunder Brunnen, der mit einem schönen schmiedeeisernen Gitter geschmückt wird. Vier toskanische (Halb-)Säulen tragen ein stark verkröpftes Gebälk, über dem sich dann eine kleine von einem Pinienzapfen bekrönte Kuppel erhebt. Das Gebälk enthält einen Bukranienfries.
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Minerva
Im Zentrum der Fassade oberhalb des Brunnens befindet sich in einer von zwei Pilastern gerahmten Nische die Figur der Minerva (griech.: Athene), die von ihrem Obergeschoss einen weithin sichtbaren Akzent in die Jopengasse hinein bildet. Die römische Göttin Minerva ist die Göttin der Weisheit aber auch des Krieges und des Friedens. Sie steht letztendlich für die "Weisheit", dass jeder Krieg einmal weise beendet werden muss, wenn er denn schon nicht verhindert werden kann.
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Bei den beiden großen Rundbogenportale der Ostseite befindet sich über dem Gebälk jeweils das von zwei kräftigen Löwen gehaltene große Danziger Stadtwappen. Das Gebälk selbst ist hier mit Fahnen, Kanonen, Pulverfässern, Kugeln und anderem Kriegszubehör dekoriert. Es ruht auf drei Konsolen, wobei von den beiden äußeren phantasievolle Kriegerköpfe in die Ferne schauen. Überhaupt ist die Portalrahmung mit allerlei "Zeugs" (Pistolen, Handschuhe, Pulverhörner, Stichwaffen usw.) versehen.
  
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Haben Sie bemerkt, dass die Portale etwas nach außen gerückt sind?
Durch diese architektonische Raffinesse geben sie bei der Ansicht aus der Jopengasse den zentralen Elementen - Brunnen und Minervafigur - mehr Gewicht.
Werfen wir noch einen Blick auf die Dachgeschosszone: Markant stehen hier Statuen von Kriegern (Landsknechten)  mit Hellebarden, Schwertern und anderen Waffen auf Postamenten zwischen den Giebeln. Das obere Geschoss und die Giebel wiederum sind mit allerlei Roll- und Beschlagwerk, mit Büsten und Masken sowie mit kleinen Obelisken verziert. Ganz oben stellen Kugeln explodierende Bomben dar. Und grotesk muten uns die männlich-bärtigen Sphingen mit weiblichen Brüsten an.

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Die Westfassade


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Die zum (ehemaligen) Wall zeigende Seite des Zeughauses ist ebenfalls sehr prächtig, doch insgesamt einfacher gestaltet als ihr östliches Pendant. Die Gesamtansicht ähnelt durchaus vier aneinandergereihten gleichartigen Bürgerhäusern, ein Eindruck, der insbesondere durch die gleichartigen Giebel vervorgerufen wird. Das Dachgeschoss und die Giebel sind ebenso wie auf der Ostseite mit Beschlagwerk, Obelisken, Büsten und fünf Figuren von Kriegern/Landsknechten reich dekoriert.

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Das Erdgeschoss enthält auch hier zwei Portale, die ebenso wie auf der Ostseite mit dem Danziger Stadtwappen, - jeweils von zwei Löwen gehalten - bekrönt werden. Auf ein auafwändiges Gebälk wurde diesmal verzichte. Statt dessen entdecken wir neben den Löwen senkrecht nach oben feuernde Mörser. Die Konsolen unter ihnen sind mit ernst dreinblickenden Kriegerköpfen versehen. In die Mauer sind etliche Kanonenkugeln eingelassen.

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In der Mittelachse steht eine recht martialische Figur auf einem Postament. Neben ihr sind Kanonenkugeln in der Wand eingemauert. Die Skulptur des behelmten und gerüsteten Mannes mit gewaltigem Schnauzbart erinnert an ein historisches Ereignis: Es handelt sich dabei um die Enthauptung des Kosakenführers Jan Podkowa, der im 16. Jahrhundert an den Kämpfen um Moldawien teilnahm und 1578 zum Tode verurteilt wurde. Demonstrativ stellt der Krieger seinen Fuß auf den abgeschlagenen Kopf, präsentiert sein (zugegeben, viel zu kleines) Schwert und schaut energisch in die Runde. Die dramatische Darstellung ist wohl als Warnung an alle Feinde der Stadt zu verstehen.


Quellen und Literatur:
1) Tomasz Torbusz, Polen, DuMont Kunst-Reiseführer, Ostfildern 2011
2) Arnold Bartetzky, Das große Zeughaus in Danzig. Baugeschichte, Architekturgeschichtliche Stellung, Repräsentative Funktion, (Forschungen zur Geschichte und Kultur des östlichen Mitteleuropa 9), Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart 2000.
3) Danzig und seine Bauten, Herausgeg. v. Westpreußischen Architekten- u. Ingenieur-Verein zu Danzig, 1908, (Digitalisat University of Toronto)
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