Quedlinburg

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Burgberg von Süden
Quedlinburg wird (als "Quitilingaburg") im Jahr 922 erstmals in einer Urkunde erwähnt, doch ist die Siedlung wesentlich älter. Um 850 wird eine kleine Kirche auf dem Gelände der heutigen Wipertikirche errichtet, gut 50 Jahre später erwirbt der sächsische Herzog Otto, der Vater des späteren Königs Heinrich I., das Gelände und unter den Ottonen dient es dann als Königshof. Heinrich I. schließlich lässt auf dem Burgberg Befestigungen anlegen, Quedlinburg wird schnell zu einer der bedeutendsten Königspfalzen des frühen Mittelalters, an deren Fuß sich dann die mittelalterliche Stadt entwickelt. Das mittelalterliche Stadtbild mit den vielen Fachwerkhäusern hat sich erhalten, Quedlinburg zählt mit Recht zu den schönsten Städten Deutschlands! Seit 1994 wird die Altstadt auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes geführt.
  

Portal, Friese und Kapitelle der Stiftskirche St. Servatius zu Quedlinburg

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Kirche von NO
Wie die erste Quedlinburger Pfalzkirche ausgesehen hat ist unbekannt, von ihr haben sich nur Reste, darunter die berühmte "Confessio", erhalten. Nachdem König Heinrich I. 936 hier bestattet und die Reichsabtei unter Otto I. in ein Damenstift umgewandelt war, ließ die Königinwitwe Mathilde die Kirche vergrößern und umbauen. Auch unter den nachfolgenden Äbtissinnen wurde gebaut. Doch die 997 geweihte Stiftskirche brannte schon 1070 ab und der Neubau zog sich dann bis zur Weihe 1129 hin. Trotz der in der tausendjährigen Geschichte vorgenommenen Ergänzungen, Umbauten und Restaurierungen gehört die Stiftskirche zu den besterhaltendsten Bauwerken der Romanik.

Das Hauptportal befindet sich an der Nordseite und gilt in dieser Form als das vermutlich älteste Säulenportal Deutschlands. Die Säulen werden von (wahrscheinlich erneuerten) Adlerkapitellen bekrönt. Das monolithe Tympanon ist leer. Vielleicht war es bemalt.  Die eingestellten Säulen stehen auf dem umlaufenden Sockelprofil, sie tragen keinen Wulstbogen sondern einen Bogen mit rechteckigem Querschnitt. Das Portal rahmen zusätzlich zwei bis zum Bogenfries der Dachtraufe reichende Halbsäulen ein. Und an der Bronzetür dient ein durch einen Ring springendes Schweinchen als Türgriff...

Nordportal der Stiftskirche zu Quedlinburg
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Das Damenstift gehörte zu den höchstrangigen geistlichen Institutionen des mittelalterlichen deutschen Reiches (Ernst Schubert), die ersten vier Äbtissinnen gehörten dem Kaiserhause an. Kein Wunder also, dass die Kirche außen und innen mit qualitätvoller Bauornamentik versehen wurde. Am Außenbau ziehen sich an Seitenschiff und Mittelschiff mit Reliefs geschmückte Traufgesimse hin, deren Bildmotive oberitalienische Einflüsse zeigen. (Die Kunsthistoriker ziehen die Vergleiche insbesondere mit S. Abbondio in Como und S. Ambrogio in Mailand.) Eine Besonderheit stellen die Fenster des Obergadens dar, sie sind sowohl außen als auch innen mit Säulen in den Laibungen versehen, die einen Wulstbogen tragen.

Fenster und Traufgesims an der Mittelschiffswand
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Die Friese zeigen trotz Wiederholung der Motive den Reichtum der romanischen Vorstellungswelt: Pflanzenornamente, Tierdarstellungen, Masken und anderes. Es hat den Anschein, dass die Reliefplatten von den Bildhauern in größerer Anzahl quasi am "Fließband" produziert wurden.

Friese (Details) an der Nordseite der Stiftskirche
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Romanische Kapitelle und Ornamente im Innern der Stiftskirche St. Servatius

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Stiftskirche nach Osten
Ernst Schubert, einer der besten Kenner der romanischen Architektur des Harzgebietes, beschreibt und würdigt die Architektur der Stiftskirche wie folgt:
"Das Innere der Quedlinburger Stiftskirche beeindruckt durch die schlichte, aber überwältigende Monumentalität der schweren romanischen Mauern, durch die überzeugende Harmonie der Pfeiler- und Säulenarkaden mit Wänden und Fenstern. Das Mittelschiff besteht aus drei quadratischen Jochen, deren Ecken Pfeiler markieren. Zwischen diese Pfeiler sind jeweils zwei Säulen gestellt. Pfeiler und und Säulen verbinden kräftige Rundbögen, so dass auf jeder Seite neun Arkaden in drei rhythmisierten Traveen Mittelschiff und Seitenschiff voneinander scheiden.
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Arkaden der Nordseite
Der sogenannte Stützenwechsel - Pfeiler, Säule, Säule, Pfeiler -, der die sonst leicht eintönig wirkende Arkadenfolge belebt, ist zuerst im Orient nachweisbar und war in der ottonischen und romanischen Architektur Niedersachsens besonders beliebt. Die Säulen der Quedlinburger Stiftskirche haben schlanke, monolithe Schäfte, steile attische Basen auffällig unterschiedlicher Proportionierung, aber einheitlich ohne Eckzier, und schwere, reich skulptierte Würfelkapitelle mit stilisiertem figürlichen und pflanzlichem Dekor. Zwei von ihnen wurden im 19. Jahrhundert kopierend erneuert. Pfeiler und Säulen sind mit Kämpfern ausgestattet, deren hohe Schrägen ebenfalls kräftigen Reliefdekor tragen. Hier erinnert man sich sofort der Relieffriese über den Rundbogenfriesen am Außenbau (...)." (Ernst Schubert, 1)

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Adlerkapitell
Und wieder sind außer den sich wiederholenden Ornamenten bei den Bildmotiven der romanischen Künstler Flechtwerk und Knoten, Köpfe aus deren Mündern Ranken wachsen (oder die sie versuchen zu verschlingen?), Tiere, die ihre eigenen Schwänze in zahnbesetzten Mäulern halten, Vögel, die an Früchten picken und anderes mehr vertreten. Der Kampf zwischen Gut und Böse währt an... Am häufigsten jedoch werden Adler dargestellt, der hochfliegende Adler ist ein Symbol des siegreichen Christus.

Dekor an Pfeilern und ...
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... Kapitelle in Quedlinburg
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Die Westempore


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Langhaus nach Westen
Der Innenraum "erweist sich (...) als ein romanisch-logisch durchgebildeter Architekturorganismus. Diese Feststellung bestätigt sich noch einmal bei der Betrachtung der Westwand. Sie ist zweigeschossig und in jedem Geschoss in zwei Arkaden unterteilt, die im Obergeschossjedoch nur als Blenden ausgebildet sind. Die Öffnungen bestehen dort aus je in zwei Blenden eingestellten kleineren Arkaden, die sich seitlich auf Pfeiler, in der Mitte auf Säulen in der Form der Arkadensäulen des Langhauses stützen. Zwei horizontal durchlaufende , in der Art der Comasken (nach der Art der Friese in Como, Italien, Anm. HB) reliefierte Friese 'rahmen' diese Arkaden. Auf diese Weise wird die dahinterliegende Äbtissinnenloge gebührend ausgezeichnet. Auf dem unteren der beiden Friese 'stehen' die Arkaden - wie die Obergadenfenster also.
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Westempore

Die romanische Folgerichtigkeit dieser Planung ist bei der über beide Geschosse durchgeführten Halbsäule besonders augenfällig, die die Wand senkrecht halbiert; denn sie ist nicht nur mit allen Kapitellen des Unter- und Obergeschosses, sondern zugleich auch mit den beiden Ornamentfriesen verklammert." (Ernst Schubert, 1)
  
Fries der Westempore
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Relieffriese in den Ostteilen

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Langhaus nach Osten
Die Vierung (dort wo sich Lang- und Querhaus durchdringen) ist ausgeschieden (d. h. vier große Rundbögen begrenzen sie) und eine große Treppenanlage führt hoch in den Chor und in das Querhaus. Darunter befindet sich die ausgedehnte Krypta, der älteste Teil der Stiftskirche. Zum Glück ist das Fotografieren hier in der Krypta nicht erlaubt, das ist also ein weiterer Grund, dieser einmaligen Anlage unbedingt einen Besuch vor Ort abzustatten... In das Querhaus  integriert sind auch die Räume (mit einer extra Schatzkammer) für den berühmten Quedlinburger "Domschatz" mit seinen einzigartigen Kostbarkeiten. (Noch ein Grund für den Besuch!) Auch das Querhaus wird von den Reliefbändern umzogen, zusätzlich werden die Bögen der Nebenapsiden mit Reliefs geschmückt. Doch schauen Sie am besten selbst! Es lohnt sich!

Reliefs im Querhaus
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--> Quedlinburg - Teil 2, Portal und Krypta der Wipertikirche

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Quellen:
(1) Ernst Schubert: Stätten sächsischer Kaiser, Urania-Verlag Leipzig, Jena, Berlin, 1990, 1. Aufl., S. 63